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Warum Sie vermeintlich langweilige Aktien unbedingt im Portfolio haben sollten

Warum Sie vermeintlich langweilige Aktien unbedingt im Portfolio haben sollten

Warum Sie vermeintlich langweilige Aktien unbedingt im Portfolio haben sollten, der DAX ein Desaster ist und es auch in der aktuellen Marktsituation wichtig ist, optimistisch zu bleiben. Fragen, die Thomas Müller von boerse.de in unserem Interview beantwortet. Er ist seit 1987 Gründer und Vorstand der TM Börsenverlag AG, der boerse.de Finanzportal AG (1994) sowie Gründer der boerse.de Vermögensverwaltung GmbH.

Thomas Müller -boerse

Wie sind Sie zur Börse gekommen?

Mein Vater hat mir als 12-Jähriger AEG Aktien geschenkt. Das war Ende der 1970er Jahre und seitdem bin ich von der Börse fasziniert.

 

Wie ist Ihre Meinung zum Thema ETFs und dem Thema Index?

Es gibt aktuell einen großen Trend am Markt in Richtung Index-Investments über ETFs. Wir halten davon sehr wenig, da die Aktienauswahl für die meisten Indizes auf Basis der Marktkapitalisierung erfolgt. Somit sind in Aktienindizes wie dem DAX jeweils die größten Unternehmen vertreten, aber nicht unbedingt die besten. Zum Beispiel notieren zehn von den 30 DAX-Werten heute tiefer als Ende 1999. Der DAX ist eigentlich ein Desaster, der ein großes Klumpenrisiko in sich birgt. So entfallen mehr 40% der gesamten DAX-Gewichtung auf nur fünf DAX-Unternehmen. Andersrum könnte sich der Kurs der Deutschen Telekom halbieren, dennoch würde der Titel aufgrund seiner Marktkapitalisierung immer noch DAX-Mitglied bleiben. Unsere Strategie ist eine andere. Wir untersuchen auf Basis zehnjähriger Kursverläufe die langfristige Anlagequalität von Aktien. Nur die laut Performance-Analyse langfristig erfolgreichsten und sichersten Aktien der Welt, erhalten den Titel Champion, und bilden so den Auswahlpool für den boerse.de-Champions-Defensiv-Index (BCDI). Somit investieren wir in Aktien mit einer hohen Anlagequalität, statt in solche mit einer hohen Marktkapitalisierung.

 

Warum ist es sinnvoll international zu investieren?

Das Mutterland der Börsen ist die USA und zu Unternehmen wie Apple, Amazon oder McDonalds gibt es kein Pendant in Deutschland. Dies gilt auch für Unternehmen wie Nestlé oder Lindt & Sprüngli aus der Schweiz und für weitere tolle Unternehmen bspw. aus Großbritannien oder Frankreich. Entscheidend sind letztlich die objektiven Kennzahlen der Performance-Analyse .

 

Sie sind mit dem BCDI-Konzept und dem boerse.de-Aktienfonds recht systematisch unterwegs. Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile systematischer Strategien?

Der Vorteil von einer regelbasierten Anlagestrategie ist es, dass historische Tests und Simulationen umgesetzt werden können. Zudem wird dann in der Praxis emotionslos und absolut diszipliniert investiert. Beispielsweise gewichten wir in unserem boerse.de-Aktienfonds alle Aktien gleich und sind immer voll investiert.

 

Also ist der Investmentprozess wichtiger als der Fondsmanager?

Die personelle Zusammensetzung des Fondsmanagement ist absolut unwichtig, es kommt auf den Anlageprozess an, also auf die Strategie und die Auswahl an. Dabei kann gesagt werden: je systematisierter, umso besser.

 

Was war der Auslöser zur Entwicklung Ihrer Performance-Analyse?

Die Performance-Analyse ist die Basis unserer Aktienauswahl. Der Ursprung dafür reicht zurück bis zur Gründung des Börsenverlags unmittelbar nach dem großen Crash im Jahr 1987. In dieser Zeit habe ich viel über technische Analyse publiziert und Bücher geschrieben. In den 1990er-Jahren erlebten wir dann eine mächtige Hausse, bis es gegen Ende des Jahrzehnts zu einer massiven Übertreibung nach oben kam. Dabei explodierten in der Phase des New Economy-Hypes die Aktienkurse, speziell die Notierungen von Unternehmen die „dot.com“ im Unternehmensnamen hatten, schossen steil nach oben. Somit haben sich Aktienkurse von Unternehmen ohne Kurshistorie oder einer vernünftigen fundamentalen Basis in kürzester vervielfacht. Dagegen schauten Aktien von Unternehmen wie Nestlé, die ein solides und langfristig bewährtes operatives Geschäft betreiben, langweilig aus. Doch dann kam es zum Platzen der Dotcom-Blase, in der viele vermeintlichen Kursraketen genauso schnell wieder abstürzten und verschwanden wie sie gekommen waren, während Aktien wie Nestlé bis heute das Anlegervermögen vermehren. Mein Ziel war es daher, eine Methode zu finden, mit der die langfristig erfolgreichsten und sichersten Aktien herausgefiltert werden können. Das war der Startschuss für die Entwicklung der Performance-Analyse.

Ist daraus Ihr boerse.de-Aktienfonds entstanden?

Wir haben die Performance-Analyse 2002 entwickelt und dann den boerse.de-Aktienbrief gestartet. Seitdem vergeben wir das Prädikat „Champion“ an die laut Performance-Analyse 100 langfristig besten und sichersten Aktien der Welt auf Basis zehnjähriger Kurshistorien..Dabei wird die Zusammensetzung der Champions-Auswahl an jedem Quartalsende überprüft. Aus diesen 100 Champions haben wir im Jahr 2014 zehn Top-Defensiv-Champions herausgefiltert und zu einem Index zusammengefasst, dem boerse.de Champions Defensiv Index (BCDI). Dieser hat vor kurzem seinen 5. Geburtstag gefeiert und seit der Emission bis Ende September 2019 64,3% gewonnen. Das entspricht einer Kursrendite von 9,9% p.a. Im Vergleichszeitraum konnte der DAX nur 26,4% bzw. 4,6% p.a. zulegen. Auf den BCDI hat die Deutsche Bank ein Index-Zertifikat aufgelegt, sodass Anleger über das BCDI-Zertifikat an diesem Indexerfolg partizipieren können. Auf Wunsch vieler BCDI-Anleger nach einer Fondslösung haben wir dann als defensive Weiterentwicklung den boerse.de-Aktienfonds ins Leben gerufen.

 

Diesen haben Sie kürzlich von BCDI-Aktienfonds in boerse.de-Aktienfonds umbenannt, was war hierfür der Anlass?

Unser Konzept war es ursprünglich, in die zehn Top-Defensiv-Champions aus dem BCDI-Aktien und in 15 weitere Defensiv-Champions zu investieren. Mittlerweile haben wir die Champion-Basis verbreitet und sind aktuell bereits in 32 Champions investiert. Damit decken wir fast ein Drittel des Champions-Pools aus dem boerse.de-Aktienbrief ab, womit die Umbenennung in boerse.de-Aktienfonds ein logischer Schritt war.

 

Welche Tipps würden Sie Fondsskeptikern oder generell Anlageskeptikern geben?

Das wichtigste ist, diszipliniert zu investieren und dabei keine Angst vor fallenden Kursen zu haben. Entscheidend ist der Anlagehorizont, wobei ich immer wieder sage:. Zeitraum schlägt Zeitpunkt. Viele Anleger versuchen über eine Timing-Strategie den richtigen Kaufzeitpunkt zu finden, haben aber dabei Angst davor, dass die Kurse nach ihrem Einstieg fallen und schieben geplante Käufe auf. Doch der Einstiegszeitpunkt ist aus langfristiger Sichtweise völlig sekundär. So zeige ich in meinen Vorträgen gerne den DAX-Pechvogel, der seit dem DAX-Start in jedem Jahr genau auf dem Jahreshoch einsteigt. Selbst dieser DAX-Pechvogel kommt langfristig auf eine Rendite von 6% p.a.

 

An welche Investition denken Sie gerne zurück?

Meine Lieblings-Aktie ist Nestlé, die für mich der Impulsgeber zur Entwicklung der Performance-Analyse war. Wir empfehlen Nestlé immer. An jedem Börsentag, zu dem wir jedes Jahr im Oktober in Rosenheim einladen, zeigen wir stets, wie konservativ diese Aktie ist, weil Sie langfristig 9% per anno gewinnt und zudem eine Dividendenrendite von 2,5% hat. Nachdem Nestlé zuletzt vier Jahre seitwärts gelaufen ist, ging es in diesem Jahr 40% nach oben, was für eine konservative Aktie recht ungewöhnlich ist. Das hat richtig Spaß gemacht. Die meisten unserer Börsentagbesucher dürften mittlerweile in Nestlé investiert sein.

Welche Investments sind Ihnen in keiner guten Erinnerung geblieben?

Grundsätzlich sprechen wir uns absolut gegen jegliche Investments in IPO’s, also Neuemissionen aus. Denn dabei handelt es sich um Unternehmen, die keinerlei Kurshistorie an der Börse aufweisen. Nur durch den Blick auf den langfristigen Chart, also den Kurslebenslauf eines Unternehmens, lassen sich gute von schlechten Aktien unterscheiden. Das ist bei Neuemissionen einfach nicht möglich. Einen weiteren Fehler machen viele deutsche Anleger, indem sie ausschließlich auf bekannte, heimische Unternehmen setzen. Darunter gibt es aber viele, mit denen Aktionäre seit Ewigkeiten keine Gewinne erzielt haben. Dazu gehört z.B. Daimler. Obwohl der Kurs seit 20 Jahren seitwärts läuft und damit per Saldo nichts zu verdienen war, gehört Daimler zu den beliebtesten Aktien in Deutschland.

 

Welche Tipps oder Erfahrungen würden Sie Börseneinsteigern geben?

Langfristig zu investieren ist das Entscheidende. Und mit einer defensiven Depot-Basis werden Anleger sehr viel Freude haben. Vor allem gilt es, dabei zu bleiben und nicht nervös zu werden, wenn die Kurse zwischenzeitlich fallen. Das gehört zur Börse dazu und eröffnet dann wieder neue Chancen. Wir sagen immer: Nach der Baisse ist vor der Hausse. Wenn in Top Aktien investiert wird, kommt der Gewinn über kurz oder lang von selbst. Auch wenn sich aktuell viele Anleger von einem Einstieg aufgrund brisanter News um Trump oder Johnson abhalten lassen, gilt es gerade als Aktionär immer optimistisch zu sein. Jedenfalls kenne ich keinen einzigen reichen Pessimisten.

 

Können Sie aktuelle Investitionstrends wie Kryptowährung oder E-Mobility nachvollziehen?

Das sind Modetrends, die in der Vergangenheit an den Börsen immer wieder zu kurzfristigen Übertreibungen und dann oft zu heftigen Abstürzen geführt haben. Wir orientieren uns daher lieber an mindestens zehn-jährigen Kurshistorien, die auch die Voraussetzung für den Champions-Status sind. Dann nur wenn langfristige Kursdaten vorliegen, habe ich auch ein Spiegelbild der operativen Entwicklung, bei dem alles aus den vergangenen Jahren enthalten ist. Positive wie negative Phasen. Beim Betrachten dieser Kurslebensläufe lässt sich automatisch verhindern, in die Falle von kurzfristigen Modetrends zu tappen.

 

Was würden Sie älteren Anlegern raten?

Für den Vermögensaufbau sind Top-Aktien alternativlos, wobei wir als Fundament unseren boerse.de–Aktienfonds haben. Der Zeithorizont dafür sollte mindestens fünf, besser zehn Jahre betragen, wobei der boerse.de-Aktienfonds stets voll am Aktienmarkt investiert ist. Für Anleger, die bereits im Rentenalter sind, gilt es, eine maximale Aktienquote eher zu vermeiden, weil das Risiko besteht, in einer schlechten Phase verkaufen zu müssen. Daher haben wir den boerse.de-Weltfonds entwickelt, der in weltweit über 4000 Aktien investiert. Dort geht es um risikoreduzierte Aktienmarktrenditen, wobei die Steuerung der Aktienquote – zwischen 0% und 100% –über den von Dr. Hubert Dichtl und mir entwickelten BOTSI-Algorithmus erreicht wird. Das heißt, in Aufwärtstrends beträgt die Aktienquote bis zu 100% während große Abwärtstrends mit einer niedrigen Aktienquote (bis 0%) weitgehend umschifft werden..

 

Was halten Sie vom Thema Trading?

Im TM Börsenverlag haben wir natürlich auch Trading-Börsendienste. Grundsätzlich empfehlen wir,  ein Depot wie eine Pyramide aufzubauen. Das breite Fundament sollte mit defensiven Investments gebildet werden; darauf aufbauend kann mit einem entsprechend kleineren Depot-Anteil auch getradet werden. Leider steht die Pyramide bei deutschen Anlegern oft  auf dem Kopf, da wird vielfach nur gezockt. Wer mit Derivaten tradet, muss laufend am Ball bleiben und bei Hebel-Zertifikaten droht immer der Knock-Out. Bei defensiven Qualitätsaktien kann mir kaum etwas passieren, da hilft der Zeithorizont.

 

Wie sieht der typische Anleger des boerse.de-Aktienfonds aus?

Ein gutes Bild unserer Anleger können wir an unserem jährlichen Rosenheimer Börsentag gewinnen. Dieses Jahr kamen die Besucher aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, aus Österreich, Italien, Belgien, Schweden, Luxemburg und sogar Polen, wobei wir überwiegend Männer begrüßen durften. Doch die Frauenquote nimmt in jüngster Zeit immer mehr zu. Die dominierende Altersgruppe von 60+ fällt nicht auf leere Versprechen rein und kann unsere Überlegungen klar nachvollziehen: Zum Beispiel dass im DAX zyklische Werte stark vertreten sind, während das Thema Essen und Trinken gar nicht vorkommt. Für unseren boerse.de-Aktienfonds spricht der Slogan: „Denn gegessen, getrunken und geputzt wird immer“. Gemeint sind damit völlig unspektakuläre Unternehmen mit eigentlich langweiligen, aber bewährten Geschäftsmodellen und starken Marken. Denn Vermögensaufbau gelingt mit vermeintlich langweiligen Aktien am einfachsten.

 

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