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Paladin Investorenbrief Q4/2020

Paladin Investorenbrief Q4/2020

2020 lässt sich nicht in ein paar Worten zusammenfassen. Zu viel ist passiert, zu schnell, zu dramatisch. Vielschichtig und umwälzend. Das zurückliegende Jahr schlug gefühlt Haken wie ein Kaninchen auf der Flucht und wir bemühen uns gar nicht erst darum, all das in wenigen Sätzen abschließend einfangen zu wollen. Und doch haben wir Luft geholt und Bilanz gezogen.

2020 war das beste Jahr seit Auflage des Fonds Paladin ONE. Ein Plus von 30,09% steht zu Buche. Natürlich freuen wir uns. Aber wir schauen auch mit einer gehörigen Portion Demut und Respekt auf die letzten 12 Monate zurück. Wir hoffen – mit Blick auf die Umstände – ein solches Jahr nicht noch einmal erleben zu müssen.

Wir alle sind mittlerweile an die tägliche Meldung zu Infektionszahlen und Inzidenzen gewöhnt. Dabei wollen wir aber nicht vergessen, dass hinter jeder Zahl Einzelschicksale stehen. Und auch in wirtschaftlicher Hinsicht sind viele Menschen, Organisationen und Unternehmen oftmals unverschuldet hart getroffen worden. Für uns ein Grund dafür, unser Engagement als Gesellschaft weiter auszubauen und signifikante Beträge an zwei Projekte zu spenden, die in einem schwierigen Umfeld abseits staatlicher Rettungsschirme und Förderprogramme Verantwortung übernehmen. Sowohl die Bite-Back Shark and Marine Conservation als auch die Misool Foundation sind uns ein Herzensanliegen!

Wir wollen darüber hinaus dokumentieren, dass wir auch für unser eigenes Tun Verantwortung übernehmen. Bereits heute zeigen die von uns handverlesenen Portfolio-Unternehmen im Hinblick auf Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (die sogenannten ESG Kriterien) in Summe eine hohe Qualität. Zum Jahresbeginn gehen wir einen Schritt weiter und verstärken uns mit Tim Wehlmann. Er wird belastbare und klar definierte ESG-Prozesse bei Paladin implementieren und gewohnt transparent kommunizieren. Tim, wir freuen uns auf dich!

Wir wünschen allen Lesern ein gesundes neues Jahr und freuen uns auch diesmal über Feedback!

Für das Paladin Team

Matthias Kurzrock und Marcel Maschmeyer

Fondsmanager des Paladin ONE

In schwachen Marktphasen stabil stehen: unser Fundament für Outperformance

Mit der letztjährigen Wertsteigerung von 30,09% liegen wir deutlich über der Entwicklung vergleichbarer Indizes. DAX (3,55%), MDAX (8,77%) und SDAX (18,01%) sind trotz eines Jahresendspurts weit abgeschlagen. Das wir hierbei nicht von einer Momentaufnahme sprechen, zeigt folgende Grafik über die letzten fünf Jahre.

Man erkennt schnell, dass die Outperformance ihren Ursprung insbesondere in den schwachen Marktphasen hat. Wir erinnern an dieser Stelle kurz an unsere Zielstellung: neben einer Performance von 10% im langjährigen Durchschnitt streben wir zugleich eine deutlich niedrigere Volatilität als gängige Indizes an. Das Erreichen dieser zwei Ziele hat sich über die letzten fünf Jahre für unsere Anleger in doppelter Hinsicht ausgezahlt. Zum einen sollten sie deutlich ruhiger geschlafen haben. Zum anderen galt für sie die Börsenweisheit: was man nach unten nicht verliert, muss man nach oben nicht wieder aufholen.
 
Die positive Entwicklung des Paladin ONE ist die Summe vieler richtiger Entscheidungen. Im Jahr 2020 gab es davon offenbar so einige. Klar gibt es immer auch Dinge, die man ex post betrachtet besser hätte entscheiden können. Bereits in den Vorjahren haben wir das in unseren Investorenbriefen zum Jahreswechsel transparent reflektiert. Und daran halten wir fest: die Hall of Fame führt unsere erfolgreichsten Investments des abgelaufenen Jahres auf, über die man immer gerne spricht. Die Hall of Shame hingegen zeigt jene Investments, die uns Geld gekostet haben.

 

Es ist einfacher, Dinge nicht kommen zu sehen

„Es ist einfacher, Dinge nicht kommen zu sehen, als sie zu erkennen.“ Das Zitat stammt aus dem Buch Das Ende des Alterns von David Sinclair, Professor für Genetik an der Harvard Medical School. „Deshalb schreiben wir die Dinge, wie wir sie heute kennen, meist unmittelbar in die Zukunft fort“, erläutert Sinclair weiter. Auch wenn ein Genetikprofessor mit Börse vermeintlich nicht viel am Hut hat, beschreibt seine Feststellung unfassbar prägnant, wie Preisbildung an der Börse funktioniert. Und das Jahr 2020 war ein Paradebeispiel dafür.

Unmittelbar zum Jahresbeginn wurde über ein neuartiges Virus berichtet, das sich damals in einer chinesischen Provinz ausbreitete. Für viele Marktteilnehmer zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als eine Randnotiz. Die Indizes erklommen noch bis Februar neue Allzeithochs. Anleger rund um den Globus schrieben die damals sichtbaren Entwicklungspfade der Wirtschaft in die Zukunft fort; ganz offensichtlich mehrheitlich nicht in der Lage, zu erkennen, welch dramatischer Einschnitt in unserem (Wirtschafts-)Leben bevorstand.

Innerhalb weniger Wochen büßten DAX & Co. dann allerdings rund 40% von ihren Höchstständen ein. Der wohl schnellste Crash aller Zeiten. Kaum ein Kapitalmarktexperte prognostizierte dann aber im März, dass die Märkte das Jahr 2020 praktisch auf Allzeithoch abschließen würden.

Und um ganz offen zu sein: auch wir haben weder den Crash noch die fulminante Erholung im Nachgang kommen sehen. Wir haben aber auch nie so agiert, als ob wir das könnten. Wann immer wir nach unserer Marktmeinung gefragt wurden und werden, betonen wir stets, keine zu haben. Wir wollen unbedingt vermeiden, dass etwaige Emotionen zur Marktentwicklung unsere Entscheidungen beeinflussen.

Unser Ziel ist ein möglichst robustes Portfolio. Und genau daran haben wir auch im abgelaufenen Jahr weiter „unbeirrt diszipliniert“ gearbeitet, wie es ein langjähriger Weggefährte über die Weihnachtstage in einer E-Mail an uns formulierte. Danke an dieser Stelle für die netten Worte nach Flensburg! Und genau das ist der Punkt. Deshalb sind wir nach diesem außergewöhnlichen Börsenjahr zufrieden: wir haben ein schönes Ergebnis erzielt, ohne von unserer Strategie und dem Investmentprozess abzuweichen, den wir bereits in deutlich ruhigeren Fahrwassern der Vorjahre erfolgreich umgesetzt haben.

 

76 Investmentideen, 19 Investmententscheidungen – und über 800 Seiten Text

Kurz vor Weihnachten flatterte die Anfrage eines Redakteurs in unser Email-Postfach. Eine große Zeitung will wissen: „Wie haben Sie aktuell Ihr Portfolio aufgestellt? Anders als üblich oder vergleichsweise normal?“ Unsere Antwort: „Ehrlich gesagt unterscheidet sich unsere Portfoliostruktur heute kaum von der vor einem Jahr. Knapp 70% des Fonds haben wir in der Value-Säule investiert – also in Unternehmen, bei denen wir aus heutiger Sicht erwarten, dass sich diese überwiegend aus eigener Kraft (und somit weitgehend unabhängig von der makroökonomischen Lage) erfolgreich weiterentwickeln werden. Ein kleiner Teil steckt derzeit in Sondersituationen. Zudem halten wir rund 25% Cash. Das garantiert uns die Freiheit, jederzeit attraktive Opportunitäten nutzen zu können. Und die prüfen wir laufend.“

Und doch führten die hochvolatilen Börsen im abgelaufenen Jahr auch zu umfangreichen Portfolioveränderungen. Zum einen mussten wir uns von einzelnen Beteiligungen trennen. Es galt, das Kapital unserer Investoren zu schützen, als die Auswirkungen von COVID-19 auf unser Leben sichtbar wurden. Darauf kommen wir gleich im Rahmen unserer Hall of Shame zu sprechen.

Zum anderen ließ uns der Markt – insbesondere in der zweiten Jahreshälfte – kaum eine andere Wahl, als verschiedene Beteiligungen zu verkaufen. Diesmal allerdings zumindest mit einem lachenden Auge. Bekanntlich investieren wir grundsätzlich langfristig. Bei Unternehmen wie Medios und der Deutschen Konsum REIT halten wir jeweils seit annähernd einem halben Jahrzehnt Anteile.

Langfristig investiert zu sein, hat viele Vorteile – aber nicht um jeden Preis. Steigen Kurse und Unternehmensbewertungen innerhalb kürzester Zeit in Höhen, die wir fundamental nicht untermauert sehen, verkaufen wir. Wir glauben, dass es zu diesem Zeitpunkt nicht klug ist, Aktien nur um des langfristigen Haltens willen nicht zu verkaufen. Die ein oder andere Aktie aus unserer diesjährigen Hall of Fame ist deshalb Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden.

Auf der anderen Seite haben wir auch in 2020 wieder eine Vielzahl von Investmentopportunitäten akribisch geprüft. Insgesamt 76 Unternehmen wurden durch unser Team für ein Investment im Fonds Paladin ONE vorgeschlagen. Das sind etwa 1,5 vorgeprüfte Ideen pro Woche. Die Vorprüfung dieser Ideen ist auf insgesamt mehr als 250 Seiten dokumentiert (eine wertvolle Erweiterung unserer Wissensdatenbank!).

Lediglich 19 Unternehmen haben diesen Vorauswahlprozess allerdings erfolgreich durchlaufen, was man als besonders hohen Anspruch werten darf, den wir an potentielle Portfoliounternehmen stellen. Hierfür wurden in Summe mehr als 500 Seiten Investmentvorlagen erstellt – und das vorrangig zu einem Zweck: der Reduzierung der Fehlerquote. Denn letztlich ist die Performance ganz wesentlich ein Resultat der nicht gemachten Fehler. Klar, auch wir können nicht übers Wasser gehen. Auch uns unterlaufen Investments, die am Ende nicht aufgehen. Wichtig ist uns aber, den emotionalen Impuls bei jeder Kaufentscheidung durch tiefgehende Analysearbeit weitestgehend zu unterdrücken. Im letzten Jahr hat das gut funktioniert. Doch dazu gleich mehr.

Eine im Jahresdurchschnitt anhaltend hohe Liquidität hat womöglich Performance gekostet – könnte man uns vorhalten. Vermutlich ist aber genau das Gegenteil der Fall. Denn eine verfügbare Liquidität motiviert natürlich, kontinuierlich und mit hohem Engagement Investmentopportunitäten zu prüfen. Sicherlich deutlich mehr, als dies bei einem statischen Portfolio der Fall wäre, das wenig Spielraum für neue Investments lässt. Folgerichtig ist rund die Hälfte der diesjährigen Wertsteigerung durch neue Investments entstanden, die wir erst im bzw. nach dem Corona-Crash getätigt haben. Liquidität bedeutet Beweglichkeit im Portfolio. Und das hat sich aus unserer Sicht erneut ausgezahlt.

 

Die Performance Attribution 2020

Wie im letzten Jahr, wollen wir auch an dieser Stelle offenlegen, welche Investments in positiver und negativer Hinsicht fühlbar zum Jahresergebnis beigetragen haben. Um das Hintergrundrauschen – und damit Ablenkung – zu eliminieren, konzentrieren wir uns dabei auf die großen Gewinner und Verlierer. Das sind für uns jene Unternehmen,die die Fondsperformance um mehr als 1% bewegt haben – positiv oder negativ. All das zusammengefasst in folgender Grafik:

Die Grafik zeigt in zweifacher Hinsicht eine extrem schöne Asymmetrie:

  • Die Zahl der Gewinner ist deutlich größer als die Anzahl der Verlierer. 14 Unternehmen, die mehr als 1% zur Wertentwicklung beigetragen haben, stehen nur 2 Unternehmen gegenüber, die mehr als 1% Fondsperformance gekostet haben.
  • Die Verluste sind deutlich begrenzt. TUI hält mit einem Verlustbeitrag von 1,4% für den Gesamtfonds die rote Laterne. Dem stehen jedoch gleich sieben Unternehmen gegenüber, die jeweils(!) 3% oder mehr zur Fondsperformance beigetragen haben.

 

Hall of Fame: 14 Unternehmen mit >1% Performancebeitrag auf Fondsebene

Die komplette Hall of Fame zu beleuchten, würde an dieser Stelle wohl den Rahmen sprengen. Wir konzentrieren uns deswegen im Folgenden auf fünf wirklich große Gewinner des letzten Jahres.

Westwing – Turnaround im Zeitraffer. Viele Worte wollen wir an dieser Stelle über Westwing nicht mehr verlieren. Wir haben dieses Engagement bereits ausführlich im letzten Investorenbrief Q3 2020 vorgestellt. Den greifbaren Turnaround im Zahlenwerk des Unternehmens frühzeitig erkannt zu haben, schreiben wir uns voll zu. Dass sich die Entwicklung in die schwarzen Zahlen aber so fulminant beschleunigen sollte, hat auch uns positiv überrascht. Getrieben von #stayathome und Lockdown konnte der Onlinehändler seine Prognose im Jahr 2020 gleich mehrfach erhöhen. Mitte April erwarben wir etwas über 2% am Unternehmen für 3,78 Euro pro Aktie. Heute notiert die Aktie bei 33 Euro. Wir haben unsere Aktien auf dem Weg nach oben mittlerweile vollständig verkauft. Nicht weil wir dem Unternehmen keine Verstetigung der gezeigten Entwicklung zutrauen, sondern weil dies mit einer gehörigen Portion Umsetzung verbunden ist, für die uns zumindest derzeit die Visibilität fehlt.

Medios – they did it again! Bereits im Jahr 2019 war Medios unser bestes Portfoliounternehmen. Und auch im Jahr 2020 steht das Unternehmen weit oben auf dem Siegertreppchen. 7 Euro war der Ausgabepreis der ersten öffentlichen Kapitalerhöhung der Medios AG im November 2016, an der wir maßgeblich teilgenommen haben. Für das Jahr 2016 konnte eine Umsatzerhöhung von 90 auf 160 Mio. Euro gemeldet werden. Gut fünf Jahre später, nach der kürzlich verkündeten Übernahme der Cranach Pharma GmbH wird der Umsatz im Jahr 2021 nun erstmals die Marke von 1 Mrd. Euro überspringen. Die Medios-Aktie notiert heute bei 37 Euro und damit mehr als 400% über dem Ausgabekurs der ersten Kapitalerhöhung.

Das Führungsduo um den (bisherigen) CEO Manfred Schneider und CFO Matthias Gärtner hat hier eine beeindruckende Aufbauleistung gezeigt. Zum Jahresende 2020 zog sich Manfred Schneider aus dem Vorstand zurück. Seine Familie hat ihren Lebensmittelpunkt mittlerweile nach Neuseeland verlegt und Herr Schneider genießt dort die Früchte seines erfolgreichen Arbeitslebens. Auch an dieser Stelle nochmals herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Entscheidung, lieber Manfred Schneider, und alles Gute am anderen Ende der Welt!

Der Rückzug des CEOs bereitet uns mit Blick auf unser Investment derweil keine Bauchschmerzen. Zum einen bleibt Herr Schneider dem Unternehmen als größter Aktionär über einen Beirat in strategischen Fragen erhalten. Zum anderen hat Medios über die letzten Jahre konsequent Führungsstrukturen aufgebaut, die auch mit dem langjährigen CFO und Neu-CEO Matthias Gärtner an der Spitze bestens funktionieren. Wir schauen bei Medios erwartungsvoll und gespannt aufs neue Jahr!

Online-Apotheken – zu schnell zu weit. Auch über die beiden Online-Apotheken Shop Apotheke und Zur Rose („DocMorris“) berichteten wir im letzten Jahr ausführlich in einem Investorenbrief. Wir haben beide Beteiligungen im Herbst 2019 erworben. Zu diesem Zeitpunkt verstanden wir, wie die Einführung des eRezepts den Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten im Internet beschleunigen würde. Es ist absehbar, dass die Online-Apotheken durch eine deutlich steigende Online-Penetration über die kommenden Jahre erheblich weiterwachsen werden.

In unserem Portfolio wurden sie aber – wie Westwing – Opfer ihres eigenen Börsenerfolgs. Shop Apotheke notiert heute 250% über unserem Einstandskurs; Zur Rose immerhin 180% höher. Diese Bewertungen nehmen nun bereits einiges von dem vorweg, was im operativen Geschäft beider Gesellschaften über die kommenden Jahre erst entstehen muss. Aus exzellenten Wahrnehmungsfällen sind folglich auch hier Umsetzungsfälle geworden (zu beiden Stichworten empfehlen wir diesen Link), womit zumindest aus unserer Sicht ein Investment in beide Unternehmen bei weitem nicht mehr so zwingend erscheint. Wie auch bei Westwing stehen wir aber auch hier möglicherweise wieder Gewehr bei Fuß, wenn andere Investoren den Unternehmen den Rücken zuwenden und die Kurse wieder unter Druck kommen sollten.

TOBII – verstehe den Verkäufer! Wandert eine Aktie von einem Verkäufer zu einem Käufer, ist dies sehr häufig eine Transaktion mit einer Informationsasymmetrie. Was bedeutet das? Nun, natürlich meint der Käufer, gute Gründe für den Kauf zu haben. Aber die hat der Verkäufer auch. Und diese speisen sich in der Regel aus einer großen Nähe zum Unternehmen, die sich zwangsläufig ergibt, wenn man langjährig investiert ist. Der Käufer ist insofern tendenziell im Nachteil. Beim Kauf einer Aktie ist es deswegen für uns wichtig, ein Investment auch durch die Brille desjenigen zu betrachten, der die Aktie gerade verkauft.

Gehen wir ein Investment ein, ohne gleichzeitig die Verkäuferperspektive zu verstehen, laufen wir Gefahr, einfach mit der Herde anderer Investoren mitzulaufen. Das kann (eine Zeitlang) klappen, muss es aber nicht. Wirklich stark ist ein Investment hingegen dann, wenn wir a) die Verkäuferperspektive verstanden haben, gleichzeitig aber losgelöst davon b) eine eigene, positive Sichtweise identifiziert haben, die die Verkaufsargumente überwiegt.

TOBII ist dafür ein exzellentes Beispiel. Wir haben das Unternehmen im März während des Corona-Crashs in der Nähe seiner historischen Tiefstkurse identifiziert, kurz nachdem das Unternehmen seinen Ausblick für das Jahr 2020 COVID-19 bedingt revidieren musste. Aus der Vogelperspektive betrachtet, waren die Kursverluste der Aktie nachvollziehbar: das verschuldete Unternehmen wies nicht nur beim Ergebnis, sondern sogar auf Ebene des operativen(!) Cashflows negative Zahlen aus. Und durch die Prognoserücknahme verschob sich die Gewinnschwelle weiter in die Zukunft.

Ein Blick unter die Oberfläche zeigte aber ein anderes Bild. Das Unternehmen bietet eye-tracking-Lösungen an, bestehend aus einer Hardware-Komponente und dazugehöriger Software. In zwei seiner drei Segmente ist das Unternehmen weltweit führend im Markt und erwirtschaftet zweistellige EBITDA-Margen. Im jungen Segment Tech arbeitet das Unternehmen aber erst noch daran, eye-tracking in Massenanwendungen zu integrieren. Hier investiert TOBII enorm hohe Beträge. Bereinigt man die Forschungs- & Entwicklungsaufwendungen aus der Kapitalflussrechnung, dreht sich der frei verfügbare Cashflow (Free Cashflow) auf Basis der 2019er Zahlen von -262 Mio. SEK auf +256 Mio. SEK. Dies war gleichzeitig eine wichtige Indikation für eine hohe Flexibilität innerhalb der Gewinn- und Verlustrechnung. Diese These wurde durch die Q2 und Q3 Berichterstattung 2020 des Unternehmens bestätigt. Der TOBII-Kurs verdoppelte sich in der Folge.

Nynomic – Cash ist eben doch King! Mit Sensoren in Bruchteilen einer Sekunde die Beschaffenheit von frisch geerntetem Mais zu bestimmen, während der CLAAS-Mähdrescher diesen gerade auf den nebenherfahrenden Anhänger befördert: beeindruckende Story! Nachdem sich Nynomic mit derartigen Anwendungen in industriellen Nischen etabliert hat, setzt das Unternehmen nun an, diese Technologie in Anwendungen mit größeren Stückzahlen, teilweise sogar in Massenanwendungen, zu integrieren. Hierbei hilft, dass die Gesellschaft heute in der Lage ist, Sensoren anzubieten, die kleiner und rund 90% günstiger sind, als noch vor einigen Jahren.

Wie schon bei TOBII, haben wir auch bei Nynomic über Wochen hinweg Aktien mitten im Corona-Crash erworben. Eine im Fonds fühlbare Position wurde daraus aber erst im Juni und zwar über eine eher ungewöhnliche Kapitalmaßnahme. Denn die Kapitalerhöhung um 5% des damals bestehenden Grundkapitals haben wir zu einem Preis von 19,95 Euro pro Aktie vollständig mit dem Fonds Paladin ONE gezeichnet. In einer Zeit, in der viele nach dem Corona-Crash noch ihre Wunden leckten, hatten wir ausreichend trockenes Pulver, um die Kapitalerhöhung vollständig allein übernehmen zu können. Mit am Tisch saß ein Unternehmen mit effizienten und pragmatischen Entscheidungswegen: selten zuvor haben wir dermaßen einvernehmlich und konstruktiv eine Kapitalmaßnahme erlebt. In diesem Sinne nochmals vielen Dank für die gute Zusammenarbeit an die Vorstände, Maik Müller und Fabian Peters!

Mit den Zahlen zum dritten Quartal konnte Nynomic die Prognose für den Umsatz im Jahr 2020 erhöhen. Eine tolle Leistung – und das in einem von COVID-19 belasteten Jahr. Wenige Tage später meldete das Unternehmen sogar einen vorgezogenen Folgeauftrag im Bereich Medizinprodukte, den bis heute größten Auftrag der Unternehmensgeschichte. Die Gesellschaft nutzte das Momentum dieser positiven Meldungen für eine weitere kleine Finanzierungsrunde im November; nun aber für einen Ausgabepreis von 28 Euro für die neuen Aktien.

 

Hall of Shame: wenig zu berichten!

Was sollen wir sagen – unsere Hall of Shame ist in diesem Jahr erfreulicherweise recht leer.

Adapteo – erst steigt der Kurs nicht und dann kommt COVID-19. In Adapteo haben wir im Sommer 2019 investiert. Das Unternehmen notierte damals neu an der Börse Stockholm. Allerdings nicht über einen klassischen Börsengang, sondern als Spin Off: Adapteo wurde von der vormaligen Muttergesellschaft Cramo Group abgespalten und die Cramo-Aktionäre bekamen anteilig Adapteo-Aktien in ihre Depots eingebucht.

Bei derartigen Spin Offs ergeben sich häufig attraktive Einstiegsmöglichkeiten, weil viele Aktionäre der Muttergesellschaft die neuen Aktien in der Regel schnell verkaufen. Allerdings überraschte COVID-19 mit praktisch kaum greifbaren Auswirkungen auf das operative Geschäft. Adapteo verkauft Wohnraum in Form von Containern, die beispielsweise von Schulen zur Ausweitung ihrer räumlichen Kapazitäten eingesetzt werden. Die Nachfrage nach solchen Containern wurde durch die Pandemie empfindlich getroffen; die Visibilität für eine Erholung der Nachfrage war gering. In dieser Gemengelage trennten wir uns von unseren Anteilen mit Verlust.

TUI – die rote Laterne. Möglicherweise müssen wir uns bei TUI vorhalten, nicht schnell genug die Notbremse gezogen zu haben. Aber im Februar war COVID-19 auch für uns eben noch nicht mehr als ein weiteres Virus, das – ähnlich wie SARS und MERS – irgendwo in Asien entstanden ist und dort auch relativ schnell wieder verschwinden würde. Dass es wenige Wochen später zu einem vollständigen Stillstand im Flug- und Reiseverkehr kommen würde, überschritt zu diesem Zeitpunkt schlicht unsere Vorstellungskraft. Es war einfacher, die Dinge nicht kommen zu sehen (um nochmals Professor Sinclair zu bemühen). Erst die von uns gestellte (und zugegeben von TUI nicht ernsthaft beantwortete) Frage, wie sich denn ein Jahr OHNE Umsatz auf das Zahlenwerk des Unternehmens auswirken würde, brach unsere festen Denkmuster weit genug auf, um den vollständigen Verkauf umzusetzen.

Zugegeben, wir sind schon ein bisschen stolz darauf, dass in diesem volatilen Börsenjahr dermaßen wenig bei uns im Portfolio kaputt gegangen ist. Mit unserem tiefgehenden Analyseprozess verfolgen wir das Ziel, Fehler möglichst zu reduzieren. Das hat im abgelaufenen Jahr offensichtlich wirklich gut funktioniert. Gleichzeitig bleiben wir demütig und wissen, dass auch wir vor Fehlentscheidungen nicht gefeit sind. Eine solch niedrige Fehlerquote wie im letzten Jahr ist alles andere als selbstverständlich und vermutlich auch nicht in jedem künftigen Jahr in dieser Form reproduzierbar. Sie ist für uns aber ein großer Ansporn, weiterhin akribisch und diszipliniert zu arbeiten, um auch künftig möglichst wenig Fehlschläge im Gesamtportfolio verdauen zu müssen. Denn wie oben bereits erwähnt: jeder vermiedene Verlust ist ein wertvoller Beitrag für eine positive Fondsentwicklung.

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