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Mit defensiven Strategien durch die Krise

Mit defensiven Strategien durch die Krise

Horst Seibold von Dr. Boss Finanzmanagement über wertvolle Erfahrungswerte und Kardinalfehler bei der Allokation defensiver Portfolien und mit einem Fahrplan, bestehend aus den wichtigsten Fragen für die Zusammenstellung Ihres eigenen Depots.

Horst Seibold

Ist eine defensive Strategie die richtige Antwort auf globale Krisen, wie beispielsweise die aktuelle Corona-Krise?

Diese Frage muss man immer unter Berücksichtigung des individuellen Anlegers betrachten. Letztendlich sollte die erste Frage immer sein: Welcher Portfolio-Mix ist für mich als Anleger insgesamt die richtige Lösung. Da ist die defensive Strategie häufig eine Teillösung, die nicht das gesamte Portfolio abdeckt. Entscheidend ist, wie man positioniert sein möchte. Wenn man das außen vor lässt, hat eine defensive Strategie den Vorteil, dass man als Anleger eher eine Krise aushält als wenn die Strategie zu offensiv ist.

Als unteres Minimum in der defensiven Strategie sehe ich 30% Aktien. Der Hintergrund ist aus der Historie und aus der Portfoliotheorie zu erklären. Ein Depot mit 100% langfristigen Staatsanleihen hat letztendlich dasselbe Risiko wie wenn man diesem Portfolio 30% Aktien zumischen würde. Dies liegt an der geringen Korrelation. Es macht also keinen Sinn, nur 100% Anleihen zu haben. Mische ich stattdessen 30% zu und habe nur 70% Anleihen, bekomme ich bei gleichem Risiko einen höheren zu erwartenden Ertrag. Von daher hat die klassische defensive Strategie ein unteres Minimum von 25-30% Aktien. Eine Krise mit den Kursrückgängen erkennt man immer nur im Rückblick. Es gibt zwar manche, die glauben das timen zu können, aber aus dem Blickwinkel der Wissenschaft sind die Märkte nicht prognostizierbar. Daher versuchen wir erst gar nicht vorher die Aktienquote auf Grund von Hypothesen zu senken.

 

Sollten ältere Menschen ihr Depot defensiver ausrichten als jüngere Menschen?

Grundsätzlich nicht. Häufig wird über eine Faustregel „Aktienquote = 100-Lebensalter“ aus Amerika geschrieben. Das würde bedeuten, der 20-Jährige hat 80% Aktienanteil und der 80-Jährige nur 20%. Das ist einfach so nicht richtig. Man sollte prüfen, wie viel Aktienanteil ich mir erstens wirtschaftlich und zweitens psychologisch leisten kann. Es ist wichtig, sich psychologisch nicht zu überfordern, damit man kommende Krisen durchstehen kann. Man sieht häufig, dass viele Privatanleger in Krisen bei niedrigsten Ständen die Nerven verlieren und aussteigen.

Was die Aktienquote von unseren älteren Anlegern betrifft, ist es häufig so, dass sie schon ans Weitervererben denken. Also der 70-Jährige hat oft einen längeren Planungshorizont als der 20-Jähirge, der vielleicht irgendwann ein Haus bauen oder sich selbstständig machen möchte. Die Aktienquote hängt nicht vom Lebensalter, sondern den persönlichen Umständen ab. Ein Großteil unserer älteren Anleger braucht ihr Vermögen zu Lebzeiten nie mehr auf sondern plant, wie es in die nächste Generation übergeht. Und das auch durchaus mit einem langen Zeithorizont.

 

Ist auf Grund der vielen globalen Zusammenhänge eine echte Diversifikation überhaupt noch möglich?

Ja, natürlich. Alle 10 Jahre in Krisen wird von den Medien die Diversifikation zu Grabe getragen. Das war auch 2008 so. Aber nach der Krise haben die Korrelationen bis jetzt immer wieder ganz normale Werte erreicht. Sie funktionieren vielleicht einen Schnaps weniger als vorher. In ganz extremen Phasen, wie in den letzten 2-3 Wochen, gibt es immer wieder eine kurze Zeit, wo sie nicht funktionieren. Diesmal besonders: in den letzten Jahren wurden auf Grund von mangelndem Zins unglaublich viele Risikopositionen von den Anlegern aufgebaut, die auf Knopfdruck alle zwangsweise verkaufen mussten, weil ihr Risikobudget verbraucht war. In diesem Rahmen wurden tatsächlich alle Anlagen, die nicht kurzfristige Staatsanleihen waren, als Risiko eingeschätzt und verkauft. In diesen  extremen Tagen bzw. wenigen Wochen in den Krisen funktioniert die Korrelation kaum. Das sind Ausnahmesituationen, die sich auch schnell wieder normalisieren. Und letztendlich hat sich an den Korrelationen in den letzten 10-20 Jahren wenig verändert. Es bleibt auch der wichtigste Teil unseres Geschäftes, eine gezielte gute Korrelation in das Anlegerportfolio zu bringen. In den letzten 200 Jahren unserer Volkswirtschaft hat es im Durchschnitt alle 40-50 Jahre einen Kollaps des Finanzsystems gegeben. Wenn es also noch schlimmer kommt, dann wird die Diversifikation überhaupt entscheidend. Das darf man auch nicht komplett ausschließen, wenn man Vermögen über Generationen plant. Solche Dinge können auch wieder passieren.

Welche typischen Fehler begehen Anleger bei der Zusammenstellung eines defensiven Portfolios?

Ein typischer Fehler ist eine ungenügende Streuung. Ein weiterer Fehler wurde vor allem in den letzten Jahren begangen: Man hat verzweifelt nach Anleihen gesucht, bei denen man noch einen ausreichend positiven Zins bekommt. Dabei hat man nicht gemerkt, dass Anleihen auch durchaus Risiken in schweren Krisen haben können. Man sieht momentan bei sehr guten Unternehmensanleihen teilweise 10-20% Verlust. Hat man sich ausschließlich auf diese konzentriert, steht man jetzt blöd da.

Weiterhin gehen viele zu wenig international vor und wählen z.B. nur einen defensiven Mischfonds aus und dann ändert sich dort z.B. das Management. Das ist gerade im Bankfilialbereich ein Thema, das 80% des Marktes ausmacht. Dort hat der Kunde typischerweise nur ein Produkt, also einen defensiven Mischfonds und das ist natürlich zu wenig. Der entscheidende Fehler ist nach wie vor zu wenig Diversifikation und letztendlich auch die versteckten Risiken, die auch in defensiven Produkten lauern nicht zu (er-)kennen.

 

Wie wählen Sie die Titel für den Vermögensbaustein-defensiv aus?

Eine Sache ist in den letzten Jahren ein bisschen aus der Mode gekommen, wird aber gerade wieder modern: Die Unternehmen, deren Aktien man kaufen möchte, sollten gute Bilanzen haben. Das heißt z.B. einen hohen Eigenkapital-Anteil, gerade im Hinblick auf schwere Krisen oder Rezessionen. Wir werden auf Grund von Corona in die schwerste Krise seit dem 2. Weltkrieg eintreten. Das kann man ganz klar so sagen und da sind es genau die weniger gefragten, bilanzstarken Aktien, die am längsten durchhalten. Sie können davon profitieren, dass sie vielleicht andere Unternehmen übernehmen können oder Konkurrenten wegfallen. Jetzt kommt die Zeit der kapitalstarken, konservativen Unternehmen mit starken Bilanzen. Das ist die eine Sache. Weiterhin muss man auch auf die Korrelationen schauen. Das ist und bleibt für den Aufbau eines defensiven Portfolios von entscheidender Bedeutung. Wichtig ist auch, die Vergangenheitsergebnisse komplett auszublenden. Das ist nach wie vor einer der bedeutendsten Fehler: Man geht verstärkt in Anlagen, die jetzt weniger gefallen sind oder in der Vergangenheit überproportional performt haben. Das ist nach wie vor ein Kardinalfehler, der aus den Köpfen von uns Menschen nur schwer herauszubekommen ist. Weiterhin ist entscheidend, die Strategie beizubehalten. Nicht nervös werden oder hektisch die Strategie ändern. Die Strategie muss vor der Krise in ruhigen Zeiten entwickelt werden und schon bei der Aufstellung sollte man an mögliche Krisen denken, sodass man in der Krise nicht kopflos anfängt, alles über den Haufen zu werfen. Daran scheitern viele Fonds, Profis und Privatanleger und daran erkennt man auch die Anbieter, die über Jahrzehnte überleben. Sie müssen sich zwar häufig von den Medien Spott wegen Unterperformance in bestimmten Zeiten anhören, aber es ist wichtig zu wissen, was man tut und vor allem in der Krise den klaren Kopf zu behalten.

 

Fahrplan für Ihr defensives Portfolio

  1. Eigene wirtschafts- und Lebenssituation analysieren: Wofür spare ich und was ist mein Lebensziel? z.B.: Die Altersversorgung sichern? Die eigene Immobilie in 10 Jahren? Eine Selbstständigkeit in 15 Jahren?
  2. Eigene Psyche analysieren: Wie schätze ich mich selbst ein? Wie gehe ich mit Stress um? Wie viel Schwankung möchte ich mir zumuten, damit ich ruhig schlafen kann und in der Krise nicht den Kopf verliere und aussteige.
  3. Commitment eingehen, die Strategie auch in Krisenzeiten nicht anzupassen: Die Anpassung erfolgt nur, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse ändern.
  4. Portfolio aufbauen. Grundlage: Zeithorizont und Risikobereitschaft. Die erträglichen Schwankungen leiten schnell zur individuell geeigneten Aktienquote und der Auswahl der Risiko-Assets.
  5. Weltweit unter der Nutzung aller Korrelationen allokieren: Die zuvor identifizierten Quoten aus dem Baukasten: Aktien, Anleihen, Immobilien und alternative Produkte zusammenstellen.

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