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Eine defensive Strategie für Ihr Portfolio - Horst Seibold im Interview

Eine defensive Strategie für Ihr Portfolio - Horst Seibold im Interview

Die Kernpunkte einer defensiven Strategie: eine gute Diversifikation und eine sehr breite Streuung. Was das in der Umsetzung für Ihr Portfolio bedeutet und welche Fallstricke dabei zu berücksichtigen sind, erklärt Horst Seibold in unserem Interview. Er ist seit zwei Jahrzehnten professionell an den Finanzmärkten aktiv und Fondsmanager des Vermögensbaustein-defensiv (früher: Boss Concept).

Portrait Horst Seibold

Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine defensive Strategie aus?

Das wichtigste ist, dass die Schwankungen im Vergleich zu reinen Aktieninvestitionen gering bleiben. Es wird also eine geringe Volatilität angestrebt und versucht, lange Verlustphasen zu vermieden. So weit wie möglich sollten hierzu Korrelationen genutzt werden. Das heißt: eine gute Diversifikation und eine wirklich sehr breite Streuung. Wir steuern dabei das Risiko über Asset-Allocations. Die andere Möglichkeit wäre mit zusätzlichen Verlustbegrenzungsstrategien, wie beispielsweise Stop-Loss zu arbeiten und bei bestimmten Faktoren auszusteigen. Ich glaube, dass man diese Strategien durch die Diversifikation und Allokation verschiedener Assetklassen günstiger nachbilden kann. Dadurch hat man weniger Schwankungen und Kosten.

Viele steuern ihr Risiko auch über Termingeschäfte, die wiederum zu einem ganz individuellen Chancen-Risiken-Profil führen. Dabei wird oft vergessen, dass ich mir natürlich auch am oberen Ende die Gewinnchance wegnehme, wenn ich absichere. Dasselbe Profil kann ich mit Asset-Allocations nachbilden und habe damit weniger Strategiekosten, weil Termingeschäfte immer auch höhere Handelsaktivitäten beanspruchen.

 

Schließt eine defensive Strategie bestimmte Teilmärkte oder Produktarten aus?

Eine defensive Strategie muss grundsätzlich gar nichts ausschließen. Es geht immer darum, wie hoch bestimmte Teile gewichtet werden. Das kann dann bis zu einer sehr geringen Gewichtung führen. Wenn neue Assets aber einen zusätzlichen Effekt auf Grund von Korrelation und Rendite bringen, können diese entsprechend in bestimmten Größenordnungen eingebaut werden. Etwas ausschließen würde man eigentlich nur, wenn es mit den bestehenden Werten hundertprozentig korreliert und eine geringere Rendite bringt. Dann hätte man keinen Zusatznutzen für die Papiere. Aber in der Praxis ist dies nie der Fall, weil die Korrelation eigentlich nie bei eins ist. Solange diese geringer als eins ist, muss man nichts ausschließen.

Was verstehen Sie genau unter einer extrem breiten Streuung?

Das meine ich auf der einen Seite global, das heißt ich streue über alle Märkte und den kompletten Globus. Weiterhin nehme ich wenn möglich alle Branchen und Asset-Klassen in die Allokation auf. Letztendlich versuchen wir den Markt nach sämtlichen Möglichkeiten abzusuchen, die einen zusätzlichen Diversifikationseffekt bringen und nichts auszuschließen was investierbar ist. Die einzigen Grenzen, sind letztlich durch den Fondsprospekt und die Gesetzgebung gesteckt. Wir glauben also nicht, dass wir jene Märkte erkennen können, die in Zukunft besser laufen, sondern wir versuchen die Korrelationen zu nutzen. Es gibt  diesen berühmten Satz von Markowitz: „Diversification is the only free lunch in investing“. Nur die Diversifikation führt wirklich zum Mehrwert und je besser oder umfassender sie genutzt wird, desto größer ist langfristig der Erfolg. Diejenigen, die durch bestimmte Prognose-Modelle übergewichten, erreichen dadurch kein perfektes Portfolio mehr, sondern zu große Einzelrisiken, die sich langfristig in einer Unterperformance auswirken.

 

Kann man auch zu breit streuen?

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es keine zu breite Streuung. Man liest sehr oft davon, vor allem von Managern, die sehr stark ihr eigenes Research bewerben. Wenn ich glaube, dass ich die Märkte aus irgendeinem Grund vorhersehen kann, würde es tatsächlich eine zu breite Streuung geben. Ich kenne allerdings keine vernünftige wissenschaftliche Studie, die diese Vorhersehbarkeit nachweist.

 

Wie entscheiden Sie, welche Anlageklassen oder Länder in welcher Gewichtung in Ihr Portfolio kommen?

Das ist ein ganz großes Thema! Es gibt viele Modelle, viele Prognosemodelle oder Tools, die Portfolios nach bestimmten mathematischen Grundlagen zusammenstellen. Diese Instrumente haben sich in der Praxis als nicht zielsicher bewährt. Wir bauen die einzelnen Asset-Klassen und Märkte im Verhältnis Ihres Risikos ein. Somit werden Teilmärkte mit größerem Risiko geringer gewichtet. Einfach gesagt: Nebenwerte in Taiwan, die historisch viel stärker schwanken, können nicht die gleiche Gewichtung haben wie Standardwerte in Europa.

Stehen Auszeichnungen und Ratings im Gegensatz zu einer defensiven Strategie bzw. einem sehr langfristig ausgelegten Fondsmanagement?

Absolut. Wenn man die Fonds mit den besten Ratings und Bewertungen heraussucht und die Vergangenheitsergebnisse vergleicht, wird man eine unterdurchschnittliche Performance finden. Das heißt man sollte die Stars niemals kaufen. Dazu gibt es die Theorie des „Ausgleichs zur Mitte hin“. Fonds, die extrem gut waren, werden sich letztendlich zur Mitte hin entwickeln und zeitweilig unterperformen. Von daher sollten sich auch Menschen die Fonds auswählen oder Dachfonds führen nicht von den Sternen und Bewertungen verleiten lassen. Wenn man schaut, wie hoch Japan 1989 bewertet worden wurde... Das hat 60% vom Weltindex ausgemacht und dann kam ein Crash, der bis heute nicht aufgeholt ist. Je größere Japan-Anteile die Mandate damals hatten, desto besser wurden die Bewertungen. Oder auch im Rahmen der Technologieblase. Je mehr Technologieaktien irgendein Mandat hatte, desto mehr Sterne wurden vergeben und die Gefahr ist immer, dass man irgendwann in eine Blase hineinrauscht. Ich weiß, das ist schwierig die unglaublich verführerischen Sterne zu sehen, da die ganze Welt und vor allem die Journalisten unglaublich darauf stehen.. Die beste Bewertung ist letztendlich die Frage: Wie lange existiert ein Fonds schon? Die Zeit ist das beste Bewertungsmaß und je länger ein Mandat funktioniert, desto größer ist die Gewissheit. Die Zeit sortiert das Schwache aus. Die richtig guten werden nie 5 Sterne haben, weil sie ihr Risiko gut beherrschen und ihre Philosophie verfolgen. 5 Sterne hat man immer nur dann, wenn man einseitig große Wetten begeht und Glück hat. Das ist leider so.

 

Was ist denn Ihr Erfolgsrezept von zwanzig Jahren Fondsmanagement?

Sich nicht von Medien, Propheten oder Vorhersagen beeinflussen zu lassen, sondern einfach mit der Ruhe an dem Grundkonzept festzuhalten. Ich erkläre es immer mit dem Odysseus-Beispiel und den Sirenen: Die ganzen Informationen über Bloomberg und die Medien werden Sie immer vom Kurs abbringen. Menschen sind sehr anfällig gegen Nachrichten. Odysseus hat  sich dann festbinden lassen, um eben nicht ins Verderben zu gehen. Für das Fondsmanagement ist es langfristig wichtig, sich an den Grundsätzen und Regeln festzuhalten und sich nicht vom Herdentrieb beeinflussen zu lassen. Wir Menschen sind alleine gar nicht in der Lage extremen Meinungen zu wiederstehen. Die einzige Möglichkeit ist, dass man sich einem Prozess und einer Philosophie unterwirft. Die größten Gefahren sind letztendlich die psychologischen Fallstricke, wie die Verlustaversion, der Herdentrieb und die Verankerung. Das sieht man auch bei den Mandaten, die es schon 50 oder 100 Jahre gibt. Ich glaube nur ein Drittel der Fonds erreicht überhaupt das Alter von 10 Jahren und bereits nach 5 Jahren ist ein Drittel schon nicht mehr am Markt. Diejenigen, die wirklich über Jahrzehnte bestehen, sind alles Mandate, die trotz Druck vom Markt oder einer temporären Unterperformance langfristig an ihrer Grundphilosophie festgehalten haben. Ein typisches Beispiel ist die Value-Strategie. Es hat immer wieder Phasen gegeben, in der sie belächelt und totgeschrien wurde und später dann wieder populär wurde. Es ist schwer für das Management, solche negativen Phasen zu überleben, ohne umzufallen. Aber das ist genau das Richtige für den langfristigen Erfolg. Man muss an seine Philosophie und Strategie glauben und daran festhalten.

 

Sie sind seit diesen 20 Jahren mit demselben Fondsmanager unterwegs. Warum ist das aus Ihrer Sicht ein Vorteil?

Wenn der Fondsmanager nie ausgetauscht wird, kann es ein Zeichen dafür sein, dass er in der Zeit auch nie seine Spur verlassen hat. Fondsmanager werden oft ausgetauscht, wenn sie stark schiefliegen. Die Beibehaltung eines Prozesses ist für den Erfolg sehr wichtig. Es ist natürlich wahrscheinlicher, dass eine Person an diesem Prozess festhält, als wenn der Manager alle drei-vier Jahre wechselt. Jeder Fondsmanager hat neue Ideen und kommt vielleicht zur falschen Zeit mit der neuen Idee und strauchelt dann.

Es ist ein zusätzliches gutes Zeichen für Kontinuität. Bei Gesellschaften, die sehr stark mit Prozessen und Philosophien vorgehen, ist der Fondsmanager gar nicht so wichtig, weil die Rahmenbedingungen klar sind. Dazu gibt es viele Untersuchungen, oder Manager, die sagen „wir investieren nicht in Fonds, sondern in Personen“. Wissenschaftlich gesehen ist das falsch.

 

Wie ist der Name Vermögenbaustein - defensiv entstanden?

Wir hatten vorher den Namen des Gründers Dr. Boss mit im Fonds. Später haben wir uns einen Namen gewünscht, bei dem erkennbar ist was drinsteckt und anschließend einen internen Ideenwettbewerb gestartet. Das Ziel war, dass der Name aussagt, was der Fonds tut und eine direkte Verbindung hergestellt werden kann: Wir denken im Portfoliomanagement immer individuell für einen Kunden, und für dessen Gesamtsituation. Ich denke kein Mandat oder kein Manager sollte so naiv oder so selbstüberschätzend sein, dass er sagt: „mit meiner Strategie decke letztendlich alles ab“, sondern es ist auch wieder ein Baustein für die Gesamtsituation des Kunden. Dazu gehören Dinge, die gar nicht investierbar sind (z.B. Direktimmobilien oder physisches Gold). Wir denken an der Front immer an ein gesamtes Kundenmandat. Das ist nicht immer so in unserer Branche. Der Endkunden steht zu selten im Fokus. Das kritisieren wieder immer wieder auf Kongressen, dass die ganze Industrie wenig an die Endkundensituation denkt, die immer wieder individuell ist. Von daher kann der Vermögensbaustein-defensiv kein ganzes Kundenproblem lösen. Es ist immer ein Baustein, der Teile eines Vermögens, eines individuellen Kunden abdecken kann.

 

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