Herdentrieb

Herdentrieb

Beobachtungen liefern nicht zwingend wissenschaftlich fundierte Beweise, aber deutliche Hinweise. Der Autor hat den dringenden Verdacht, dass sich die allermeisten Marktteilnehmer aktuell wie Lemminge verhalten. Es ist ja auch irgendwo verständlich, da wir alle mit den exakt gleichen Informationen arbeiten, die wir von den gleichen Quellen zur gleichen Zeit beziehen. Schon fast notwendigerweise kommen wir damit zu den gleichen Schlussfolgerungen. Nun muss das Gleiche ja nicht notwendigerweise das Falsche sein. Allerdings muss man schon höllisch aufpassen, dass man den Massen nicht in den Abgrund folgt, sondern rechtzeitig aus der Herde ausschert.

Wie wir ja bereits Anfang diesen Jahres geschrieben haben, erwarten wir eine turbulente Landung der Weltwirtschaft und keine Bruchlandung. Und nachdem wir das erste Quartal hinter uns gelassen haben, muss man sich schon große Mühe geben, die Zeichen der Schwäche zu missachten. Grafik 1 zeigt das Welthandelsvolumen auf Basis der Daten des CPB, des niederländischen Think Tanks für wirtschaftspolitische Analysen, welche als sehr zuverlässig gelten. Um der Volatilität der Datenreihe etwas die Schärfe zunehmen, benutzen wir den Durchschnitt über drei Monate. Aber auch hier kann man eine deutliche Verlangsamung der Handelsströme zum Ende 2018 feststellen, was auch im Einklang mit der aktuell zu beobachtenden globalen Schwäche im produzierenden Gewerbe steht. Der Handelsstreit zwischen China und den USA scheint letztendlich dann doch Spuren zu hinterlassen.

Grafik 1: Welthandelsvolumen (3-Monats-Durchschnitt)

Grafik 2: Einkaufsmanagerindizes

Auch die Einkaufsmanagerindizes verschlechtern sich zusehends. Grafik 2 zeigt die Veränderung des jeweiligen Index im Vergleich zu dem von vor 12 Monaten. Überraschend an dieser Grafik ist die doch sehr geringe Verschlechterung des Werts für Großbritannien, das ein einziges Chaos mit seinem Brexit anrichtet und seit vielen Monaten die europäische Politik in Geiselhaft genommen hat. Mir bleibt an dieser Stelle nur übrig, eine Botschaft an das britische Parlament zu richten. Der nordirische Autor C.S. Lewis soll gesagt haben: You can’t go back and change the beginning, but you can start where you are and change the ending. Vielleicht beherzigen die Parlamentarier dies ja. Der Rest von Europa wird es ihnen danken.

Ein weiteres Indiz für die zukünftige wirtschaftliche Einschätzung der Märkte ist sicherlich auch das Renditeniveau der 10-jährigen Bundesanleihe und der US-Staatsanleihe (siehe Grafik 3). Am Freitag, den 22.3.2019 wurde die aktuelle 10-jährige Bundesanleihe zum ersten Mal seit 2016 mit einer negativen Rendite gehandelt. Dies ist möglicherweise nicht nur der Einschätzung der Märkte im Hinblick auf eine künftige wirtschaftliche Schwäche geschuldet, sondern auch der Angst vor dem möglichen Chaos, falls es doch zu einem ungeordneten Brexit am 12.4.2019 kommt. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe fiel damit auch unter 2,5 %. Dieses Niveau an sich ist erst einmal nicht so wichtig. Was aber die Marktteilnehmer aufschrecken ließ, war die Tatsache, dass nun zum ersten Mal seit 2006 die Renditekurve in den USA zwischen der 3-Monatsrendite und der 10-Jahresrendite invertierte (siehe Grafik 5). Die vergangen sechs Rezessionen in den USA wurden immer 12 bis 18 Monate im Voraus von einer Inversion der Zinskurve angekündigt. Insofern war die Marktreaktion verständlich, die zukünftigen Leitzinsänderungen der US-Notenbank neu zu bewerten (siehe Grafik 4). Nachdem die Kurve invertierte, hat der Markt (errechnet aus den US-Zinsfutures) die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung durch die US-Notenbank in ihrer Sitzung Ende Januar 2020 von knapp 50 % auf fast 80 % deutlich erhöht, während gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit des Ausbleibens einer Zinsänderung entsprechend fiel!

Grafik 3: Rendite der 10-jährigen Bundes- und US-Staatsanleihe

Grafik 4: Implizierte Wahrscheinlichkeit, wie die US-Notenbank sich an ihrem Treffen im Januar 2020 verhält, errechnet aus den Geldmarktfutures.

Grafik 5: Renditedifferenz zwischen der 10-jährigen und der 3-monatigen Staatsanleihe.

Grafik 6: Implizierte Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den nächsten 12 Monaten, berechnet durch die Fed in NY

Auch die weit beachtete, durch die New Yorker Federal Reserve berechnete Wahrscheinlichkeit einer Rezession im kommenden Jahr steigt stetig an (siehe Grafik 6). Ein weiteres Indiz.

In diesem Moment ist es nun wichtig, sich zumindest ein Stück von der Herde zu entfernen. Die oben beschriebenen Indizien deuten unisono auf eine in den nächsten 12 Monaten beginnende Rezession in den USA und damit sicherlich auch in der ganzen entwickelten Welt hin. Dies bedeutet nun aber nicht zwangsläufig, dass es auch so eintritt. Wir arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und nicht mit einem deterministischen Prozess! Es ist durchaus möglich, dass tatsächlich ein sogenanntes soft landing, also eine graduelle Verlangsamung ohne anschließende Rezession durch ein geschicktes Zusammenspiel von monetären und fiskalischen Maßnahmen herbeigeführt werden kann. Allerdings setzt das eben ein Zusammenspiel voraus. Das hat während der Finanzmarktkrise gut funktioniert und kann auch wieder klappen. Schließlich hat niemand Interesse an einer tatsächlich eintretenden Rezession – weder die Regierungen noch die Zentralbanker.

Wir bleiben daher bei unserer, in der jüngeren Vergangenheit schon öfter postulierten Meinung, dass wir eine Abschwächung sehen und auch weitere noch schlechtere Wirtschaftsdaten durchaus für möglich halten. Wir vertrauen aber auf das Geschick der verantwortlichen Akteure, eine echte Rezession zu vermeiden. Bis diese Erkenntnis wieder zum Mainstream wird, kann und sollte man auch noch am Rande der Herde mitlaufen.

ETHENEA Independent Investors S.A.

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