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Helikoptergeld über Deutschland?

Helikoptergeld über Deutschland?

Was Hongkong vorgemacht hat, will nun auch der US-Präsident Donald Trump umsetzen – den Bürgern Geld schenken, um die Konjunktur in der Krise anzukurbeln

 

In echten Krisen geht es manchmal ganz schnell: Was vor zwei Wochen noch undenkbar war, ist heute wahrscheinlich und morgen ist es alternativlos. Prozesse, die sich sehr lange mit der Geschwindigkeit eines Gletschers bewegt haben, bekommen plötzlich eine Dynamik, welche den Beobachter sprachlos macht. So verhält es sich heute mit Ausgangssperren, Grenzschließungen und einer finanziellen Maßnahme, die bis vor kurzem kaum jemand zu diskutieren bereit war: Helikoptergeld.

Weltkugel auf Geldscheinen

Das letzte Mittel zur Bekämpfung der Deflation

Der Begriff wurde von Paul Krugman geprägt und veranschaulicht eine mögliche Maßnahme der Zentralbank, wenn alle anderen Mittel zur Bekämpfung der Deflation ausgeschöpft sind. Krugman schlug vor, Geldbündel in Helikopter zu packen und auf die Erde regnen zu lassen, um die Menschen zum Kauf von Waren und Dienstleistungen zu bewegen. Wenn es nicht gelingt, über günstige Zinsen die Nachfrage und damit die Preise zu beleben, dann eben indem man den Menschen so lange Geld in die Hand drückt, bis sie in die Geschäfte gehen und es ausgeben.

Die Regierungen und Zentralbanken der Welt befinden sich heute in einer Situation, in der die Idee des Helikoptergeldes plötzlich sehr aktuell ist. Die aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus Pandemie, der Shut-Down, führen zu einem Herzstillstand der Wirtschaft. In der Vergangenheit bewährte monetäre Mittel zur Wiederbelebung, wie etwa niedrige Zinsen und Anleihekäufe, scheinen bisher wenig hilfreich.

Wenn die Läden geschlossen sind und die Menschen das Haus nicht verlassen dürfen, gibt es kaum Nachfrage, egal wo die Zinsen stehen. Fiskale Unterstützung wurde in den vergangenen Tagen bereits von vielen Regierungen in Aussicht gestellt. Zwar will man klotzen statt kleckern, aber umfangreiche Konjunkturprogramme können erst später greifen, wenn die Wirtschaft wieder hochfährt. Aus heutiger Sicht sind also Dauer und Auswirkungen des derzeitigen Herzstillstands kaum absehbar.

Holen jetzt die Zentralbanker den Heli aus dem Hangar, um direkt die Staaten, die Unternehmen oder die Privathaushalte zu finanzieren? Die Zentralbanken würden damit die Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken umgehen, indem sie Geld direkt auf die Konten des Staates und/oder der Bürger bucht.

Könnte auch Trump auf Helikoptergeld setzen?

Bislang hat nur Hong Kong angekündigt, jedem Bürger 10.000 Hong-Kong-Dollar auf das Konto zu buchen. Die USA spielen sehr konkret mit dem Gedanken, jedem Einwohner 1.000 US-Dollar zu schenken. Auch in Japan gibt es erste Gehversuche in diese Richtung. Ist das in Deutschland vorstellbar? Durchaus! Bei einem Gesamtschuldenstand von knapp 1.930 Milliarden Euro entspräche ein Scheck von jeweils 1.000 Euro an die 41,4 Mi Haushalte in Deutschland einer Schuldenerhöhung von grade mal 2 Prozent.

Noch sind wir Deutschen aber nicht so weit. Finanzminister Scholz hat am vergangenen Freitag unlimitierte Kredite der KfW für deutsche Unternehmen angekündigt und diesen Schritt als „Bazooka” bezeichnet. Außerdem sind direkte Hilfen (Helikoptergeld) für kleine Unternehmen angekündigt.

Die EZB als letzte Instanz

Ist das genug für den verängstigt zu Hause sitzenden Konsumenten? Die Franzosen hamstern Rotwein, die Amerikaner Waffen, und die Deutschen Klopapier. Die EZB hat es in der aktuellen Krise mit Konsumenten zu tun, die sich offensichtlich auf das Wesentliche beschränken, anstatt die Wirtschaft durch gleichbleibende Ausgaben stabil zu halten.

Eine Möglichkeit für einen starken Impuls wäre es aber dennoch, das Helikoptergeld auf Konsumenten auszuweiten. Zugegeben, die Möglichkeiten zum Konsumieren sind derzeit stark eingeschränkt, selbst wenn man Geld ausgeben wollte. Es gehört aber nicht viel Phantasie dazu, sich den Tag vorzustellen an dem die Geschäfte wieder öffnen. Durch die relativ niedrige Staatsverschuldung in Deutschland wäre viel Platz für Konsumenten-Schecks. Bekommt der sparsame Deutsche nun Geld zum Konsumieren geschenkt, dann kann man sich Schlangen vor den Einzelhandelsläden bei Wiedereröffnung durchaus vorstellen. In dieser komfortablen Situation sind aber leider nicht alle Länder der Eurozone. Deshalb bleibt, unabhängig von den Maßnahmen der Bundesregierung, nur die EZB als Institution, die einen solchen Schritt flächendeckend für die gesamte Eurozone umsetzen könnte.

Undenkbares wird denkbar

Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass das Helikoptergeld bislang nicht gut beleumundet ist und insbesondere von sparsamen Nationen wie Deutschland bisher abgelehnt wird. Als abschreckendes Beispiel dient die direkte Finanzierung des deutschen Staates durch die Reichsbank im ersten Weltkrieg bis 1923. Anfänglich, in den Jahren 1917/18 wirkte sich die Geldvermehrung kaum auf die Preise aus, denn die Zeiten waren hart und viele Menschen erhöhten ihre Sparguthaben, um wenigstens ein finanzielles Polster zu haben. Das Geld wurde also nur zum Teil für Waren ausgegeben und die relativ geringe Nachfrage führte natürlich zu einer geringen Teuerungsrate. Irgendwann aber, in den Jahren 1921/22, war auf allen Konten so viel Geld, dass der Knoten platzte. Auf einmal war die Nachfrage da und für eine kurze Weile boomte die Wirtschaft. Aus einer schleichenden wurde aber eine galoppierende Inflation und schließlich – im Jahr 1923 – eine Hyperinflation mit ihren gewaltigen wirtschaftlichen und sozialen Kosten.

Allerdings haben sich die Zeiten sehr geändert. Europa hat in letzter Zeit keinen Krieg verloren, muss keine Reparationszahlungen in Fremdwährung leisten, kann sich intern finanzieren und hat eine Zentralbank mit hinreichend Know-How, um mit Inflation umzugehen. Die Umstände der derzeitigen Wirtschaftskrise sind neu in der Geschichte, die historische Analogie mit den 1920er-Jahren eignet sich also nur bedingt. Um dieser neuen Situation zu begegnen, braucht es die angemessenen Mittel, auch wenn diese uns vor einigen Wochen noch als drastisch und ausgeschlossen erschienen wären.

Fazit

Wie diese Mittel aussehen, ist noch unklar. Aber die Krise wird neue Konstellationen hervorbringen, undenkbares denkbar machen. Dann wird sich alles beruhigen. Und auch die Aktienmärkte werden einen Boden finden und der Himmel wird uns nicht auf den Kopf fallen. Die Unterstützungsmöglichkeiten der EZB sind noch lange nicht ausgereizt. Die Angst wird vergehen, ebenso wie der von den Verlusten der letzten Tage verursachte Schmerz. Heute gilt es, den Mut und die Nerven zu behalten. 

Stand: 19.03.2020

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