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CONREN-Kolumne: Virus-Warnung für Investoren – eine Einschätzung von Laura Prina Cerai, CFA

CONREN-Kolumne: Virus-Warnung für Investoren – eine Einschätzung von Laura Prina Cerai, CFA

Die rasante Verbreitung des Wuhan-Virus erschüttert die globalen Kapitalmärkte. Der Sorge, dass dies der Beginn einer tödlichen Pandemie sein könnte, steht die Hoffnung gegenüber, dass das Virus weniger gravierend ist als die alljährliche Grippewelle. Mit Sicherheit können wir zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass es für alle direkt Betroffenen sehr schlimme Zeiten sind. Doch was wissen wir als Investoren zu diesem Zeitpunkt wirklich, was müssen wir für die nächsten Tagen und Wochen beachten, und vor allem: Was können wir jetzt schon tun?

CONREN-Kolumne: Virus-Warnung für Investoren – eine Einschätzung von Laura Prina Cerai, CFA

Exkurs: Das Coronavirus – die bisherigen Auswirkungen

Zunächst bleibt festzustellen, dass die Datenlage (wie zu diesem Zeitpunkt zu erwarten) schlecht ist. Die Ausbreitung des neuen Virus, das von heftigem Fieber und einer Lungenentzündung als Symptome begleitet wird, ist für viele ein Déjà-vu. Ähnliches kennen wir von SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome), das zwischen November 2002 und Juli 2003 wütete. Die Krankheit wurde damals von Tieren auf Menschen übertragen – das ist wohl auch beim Coronavirus der Fall. Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Weder gegen SARS noch das Wuhan-Coronavirus existiert ein Impfstoff. Das Erschreckende: Das Coronavirus breitet sich exponentiell aus. Es dauerte acht Monate, bis sich SARS auf mehr als 8.000 Menschen ausgebreitet hatte. Das Wuhan-Coronavirus infizierte in nur 30 Tagen mindestens 12.000 Menschen. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Marktkommentars (Montag, der 03.02.2020) ist die Anzahl der bestätigten Fälle auf über 17.000 angestiegen. Und es gibt bereits in absoluten Zahlen mehr Tote zu beklagen, als es bei SARS der Fall war. Allerdings ist die Sterblichkeitsrate des Coronavirus wohl wesentlich niedriger – aktuelle (wohl zu hohe) Schätzungen liegen bei 2 % – im Vergleich: SARS lag bei etwa 10 % und die alljährliche Grippe liegt bei ca. 0,1 %.

Was tun als Anleger?

Als verantwortungsbewusste Investoren müssen wir alle Szenarien in unseren Portfolien berücksichtigen. Dazu müssen wir einen Aktionsplan für den Fall haben, dass die Lage doch schlimmer wird als von uns angenommen, das Virus sich gegebenenfalls auch über Mutationen ausbreitet und noch drastischere Gegenmaßnahmen der Behörden die Wirtschaft zusätzlich belasten.

Schon jetzt sind die Konsequenzen gravierend: Nationale und internationale Unternehmen schließen ihre Geschäfte in China, die Reisebeschränkungen wurden verschärft. Die USA und andere Länder mahnen ihre Bürger, Reisen nach China zu überdenken und vor allem Trips nach Hubei (Provinz Wuhan) zu vermeiden. Verschiedene internationale Fluggesellschaften haben Flüge vom und zum chinesischen Festland ausgesetzt. Hongkong schließt vorübergehend alle Sport- und Kultureinrichtungen und verbietet den Bewohnern von Hubei die Einreise. Fabriken bleiben geschlossen und globale Lieferketten damit gestört. Für viele Chinesen ist es nach den Neujahrs-Ferien schwer an den Arbeitsplatz zurückzureisen. Viele chinesische Städte gleichen aktuell Geisterstädten mit leeren Straßen und geschlossenen Geschäften. Das Ausmaß der Disruption ist von Region zu Region in China verschieden. Unsicherheit und Panik (manche Dörfer haben sich wohl mit selbsterrichteten Barrikaden abgeschottet) erschwert die Situation. Durch den nun angefangen großen Rückreiseverkehr seit Samstag steigt das Risiko, dass Infizierte auch andere Regionen in China und Asien anstecken. Das bleibt in den nächsten Tagen genauer zu beobachten.

Vor diesem Hintergrund nehmen die Befürchtungen zu, dass die steigenden Kosten der Corona-Krise sowohl die chinesische als auch die globale Wirtschaft nachhaltig belasten werden.

Wie sollten Anleger agieren? Eine Orientierung für diese Frage gibt es: Nämlich, wie Grippewellen sich in der Vergangenheit auf Volkswirtschaften und Aktienmärkte ausgewirkt haben. Und hier ist festzuhalten: In den letzten 50 Jahren erwiesen sich praktisch alle größeren Virenausbrüche, die zu spürbaren Korrekturen an den Aktienmärkten führten, retrospektiv als attraktive Einstiegspunkte für langfristig orientierte Anleger. Möglicherweise wird das beim Coronavirus nicht anders sein. Die aktuelle Börsenkorrektur kann allerdings noch etwas andauern und unter Umständen schmerzhafter ausfallen als bei früheren Pandemien. Der Wendepunkt in der Anlegerstimmung tritt normalerweise auf, wenn das zweite Derivat, d. h. die Anzahl neuer Infektionen, zu fallen beginnt – bekannt als „PEAK“.

Das Coronavirus hinterlässt nicht nur im Aktienbereich, sondern auch auf dem Anleihenmarkt Spuren, was sich in den globalen Renditen von „Safe-Haven“-Staatsanleihen und den Spreads von Unternehmensanleihen widerspiegelt. Die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen ist stark gesunken, seit das Virus die Schlagzeilen bestimmt. Während die Rendite noch in der dritten Januarwoche über 1,8 % lag, hat sie in der letzten Woche einen steilen Abwärtstrend begonnen und mittlerweile 1,5 % erreicht. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Nachfrage nach sicheren Vermögenswerten die Rendite auf neue Tiefststände treibt. Bei Unternehmensanleihen ist – wenn auch begrenzt – eine entsprechende Spread-Ausweitung festzustellen, die mit der Schwäche des Aktienmarktes in Einklang steht.

Natürlich litt in der Vergangenheit die Volkswirtschaft im Quartal des Ausbruchs, aber das wurde in den folgenden Monaten aufgeholt. In China werden beispielsweise Produktionsausfälle in der Regel durch Wochenend-Zusatzschichten kompensiert. Auch die makroökonomischen Parameter vor dem Ausbruch des Virus rechtfertigen speziell die derzeit überproportionale Abstrafung von zyklischen und china-bezogenen Titeln unseres Erachtens nicht. Außerdem, so unsere begründete Hoffnung, werden Notenbanken und Regierungen aufgrund des Virus-Ausbruchs stimulierend eingreifen – was in Teilen ja bereits geschehen ist.

Was ist diesmal anders? Wovor aber haben die Märkte dann solche Angst? Nach den gestiegenen Kursen der letzten Monate trifft das Virus auf eine ausgereizte Marktstimmung. Das war zuzeiten von SARS nicht so: Damals befanden sich die Märkte infolge des Platzens der Technologieblase 2000-2001 noch in einer weltweiten Baissephase. Zudem gibt es aktuell unterschiedliche Meinungen, wie sehr das ohnehin schon schwache Wirtschaftswachstum betroffen sein wird. Es sind ausgerechnet die nun ergriffenen Notmaßnahmen wie Flugverbote, verlängerte Ferien in der Produktion oder geschlossene Restaurants und Cafes, die die Wirtschaft latent bremsen könnten. Einige Marktteilnehmer befürchten sogar, dass dies in einer Abwärtsspirale münden wird.

Wir sehen das anders. Im ersten (und hoffentlich letzten) Schritt wird der Konjunkturschock größtenteils ein Nachfrageschock sein, der vor allem den Dienstleistungssektor trifft – wobei Einzelhandelsumsätze, Unterhaltung, Tourismus und Reiseaktivitäten am stärksten betroffen sind. Das chinesische Neujahr verstärkt die Nachfrage in diesen Sektoren, da die Menschen in dieser Zeit normalerweise viel Geld für Reisen, Unterhaltung oder Einkaufsaktivitäten ausgeben. Aufgrund des Ausbruchs des Coronavirus wurde die Goldene Woche des Neujahrsfestes im ganzen Land bis zum 2. Februar verlängert. Die Ferienwoche war ursprünglich vom 24. bis 30. Januar geplant. Die Volksbank von China hat angekündigt, für ausreichende Liquidität und zusätzliche Impulse zu sorgen. Sollte sich die Situation verschlechtern, könnte die Zentralbank durch weitere Senkungen des Mindestreservesatzes und niedrigere Zinssätze zusätzlich Unterstützung leisten. In diesem Fall erwarten wir auch, dass die Regierung Fiskalmaßnahmen wie Steuererleichterungen für Unternehmen ergreift und einen Teil ihrer geplanten Infrastrukturausgaben vorzieht, um die Wirtschaft zu unterstützen.

Zugegeben: Da viele Städte derzeit von der Außenwelt abgeriegelt sind und ihre Bewohner zu Hause bleiben, um eine Ansteckung zu vermeiden, wird auch die Industrie überproportional leiden. Andererseits werden die Auswirkungen auf die Produktionstätigkeit wahrscheinlich nicht ganz so schlimm sein, da die Fabriken in den Neujahrsferien ohnehin stillgelegt wurden. Positiv zu vermerken ist, dass die erwähnten Maßnahmen der chinesischen Regierung weit über das hinausgingen, was wir in der Vergangenheit gesehen haben. Wir gehen davon aus, dass die Auswirkungen auf das Wachstum zwar beachtlich, aber nur von kurzer Dauer sind und sich die wirtschaftliche Aktivität im zweiten Quartal erholt.

Die Auswirkungen auf das globale Wachstum werden wohl frühere Muster nachahmen, nach denen die chinesische Wirtschaftstätigkeit beeinflusst wird – wenn auch in geringerem Maße. Der Nachfrageschock in China im ersten Quartal wird sich angesichts des globalen BIP-Gewichtes von Chinas auf das Gesamtvolumen auswirken. Eine Erholung aufgrund eines Nachholbedarfs kann die Wachstumsdynamik im zweiten Quartal ankurbeln – insbesondere, wenn der epidemische Höhepunkt im Februar oder März eintritt. Der aktuelle Konjunkturindikator für die USA und die Welt hat sich im Januar verbessert. Dies könnte den negativen Einfluss des langsameren Wachstums in China ausgleichen.

In dem von uns als wahrscheinlich erachteten Szenario, in dem die Epidemie im Februar wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht, wird der Schock für die Wirtschaft größtenteils ein Nachfrageschock sein. Der Wendepunkt in der Anlegerstimmung tritt normalerweise auf, wenn das zweite Derivat, also die Anzahl neuer Infektionen, zu fallen beginnt. Doch lassen Sie es uns nochmals ganz klar und ehrlich sagen: Die möglichen Auswirkungen des Coronavirus auf die chinesische Wirtschaft und die globalen Lieferketten sind in diesem frühen Stadium sehr schwer zu quantifizieren. Die Lage ändert ständig und erfordert eine sorgfältige Beobachtung von uns als Investoren. Die Situation ist ernst, aber es sollte auch daran erinnert werden, dass eigentlich niemand sicher weiß, wie sich die Dinge weiter entwickeln werden – selbst Fachärzte nicht, und Finanzexperten damit noch weniger.

Laura Prina Cerai

Autorin: Laura Prina Cerai, CFA

Bildnachweis Frank Ramspott, Maridav

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