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Mittelstand benötigt alternative Finanzierungsinstrumente

Mittelstand benötigt alternative Finanzierungsinstrumente

Dem Mittelstand wird es im In- wie im Ausland nicht eben leicht gemacht – zum einen erfährt er auf EU-Ebene kaum Gehör, zum anderen kam zuletzt auch noch Corona hinzu. Immerhin: In EU-Arbeitsgruppen dürfen inzwischen auch Praktiker ihr Wort einbringen, darunter Fondsmanager Hans-Jürgen Friedrich.

Erschienen am 10.09.21 in der Unternehmeredition - Interview Falko Bozicevic

Büro

Unternehmeredition: Herr Friedrich, Sie sind abgesehen von Ihren „gewöhnlichen“ Tätigkeiten auch in einer europäischen Arbeitsgruppe der sogenannten TESG (Technical Expert Stakeholder Group) der FISMA. Diesen Begriff wird kaum jemand außerhalb des Kapitalmarkts je gehört haben. Daher: Wer oder was ist die FISMA?

Hans-Jürgen Friedrich: Ich fange mal von oben kommend an: Das Generalsekretariat der EU ist für Steuerungsaufgaben in der gesamten Gemeinschaft zuständig. Hier gibt es verschiedene Generaldirektionen, die für unterschiedliche Aufgaben zuständig sind, beispielsweise für Beschäftigung und Soziales, oder wie die FISMA, die für Finanzdienstleistungen zuständig ist.

Das ist ein weites Feld.

Ja, die Themen der FISMA sind weitreichend. Neben Finanzdienstleistungen werden auch die Finanzmarktstabilität und die Kapitalmarktunion behandelt. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass ein erklärtes Ziel der EU die Harmonisierung innerhalb Europas und die Bildung der Kapitalmarktunion ist. Das heißt, Finanzprodukte oder -dienstleistungen in jedem einzelnen EU-Mitgliedsland müssen mit EU-Vorgaben konform bleiben, vorbehaltlich der nationalen Anpassungen, die in einem gewissen Umfang möglich sind.

Was genau, welche Themen werden da aktuell besprochen?

Prinzipiell versucht die Kommission, die Vorgänge, die in einem Mitgliedsland gut funktionieren, auf andere Länder zu übertragen. Fehler und negative praktische Erfahrungen, die in einem Mitgliedsland gemacht wurden, werden möglichst zu vermeiden gesucht. Das ist ein Teil der Berichte der jeweiligen Länder. Übergeordnete Themen sind derzeit selbstverständlich auch die Vermeidung einer Insolvenzwelle infolge von Corona und wie zuvor auch die Förderung des Mittelstands.

Der Interessenverband Kapitalmarkt KMU moniert in der Tat stets, auf europäischer Ebene gehe es vor allem um Unternehmen im DAX-Format, der Mittelstand bleibe auf der Strecke. Können Sie das aus eigener Erfahrung bestätigen oder möglicherweise richtigstellen?

Diese Wahrnehmung stimmt, aber sie ist auch Teil eines übergeordneten Phänomens: Banken sind infolge der Finanzkrise 2008 strenger reguliert worden und mehr genötigt, zu belegen, was genau sie machen – und nötigenfalls davon weniger zu machen. Mit Einführung von Basel III waren Beschränkungen in der Kreditvergabe verbunden, die mit Basel IV zusätzlich beschnitten wird. Mittelständler sind daher gut beraten, sich zunehmend mit alternativen Finanzierungsinstrumenten wie zum Beispiel mit Aktien- oder Anleiheemissionen zu beschäftigen. Damit sind unsere traditionellen Hausbanken künftig nicht außen vor, aber ihr Anteil an der Gesamtfinanzierung von Unternehmen nimmt weiter ab. Gerade bei uns in Deutschland fühlt sich das ungewohnt an.

Funktioniert das denn in der Praxis?

Unsere Beobachtung ist, dass auf europäischer Ebene leider auch mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Viele Regelwerke sind auf internationale Unternehmen zugeschnitten – und die stellen für deutsche, polnische oder walisische Mittelständler eher eine Belastung und einen Wettbewerbsnachteil dar. Im schlimmsten Fall wird auf europäischer Ebene ein Regelwerk beschlossen, das für nationale Mittelstandsunternehmen zu einem Bürokratiemonster mutiert. Dies führt zu einer Zweiklassengesellschaft und kann unmöglich der richtige Weg sein.

Wie kann das sein? Die Wirtschaftsleistung wird doch gemeinhin von den heimischen Mittelständlern getragen, nicht nur bei uns.

Die Frage ist eher, wer sich auf europäischer und nationaler Ebene das größte Gehör verschafft. Deswegen ist es ja so wichtig, dass sich der Interessenverband KMU einbringt, um einen wichtigen Beitrag für mittelständische Unternehmen zu leisten, die sich über den Kapitalmarkt Finanzierungsbausteine beschaffen müssen. Banken können beziehungsweise dürfen die Unternehmen nicht mehr in dem Maße wie früher mit Kreditbausteinen versorgen. Mit Bildung der Kapitalmarktunion soll daher dem Mittelstand europaweit der Zugang zum Kapitalmarkt erleichtert werden. Privaten, semiprofessionellen und institutionellen Anlegern soll gleichzeitig auch die Chance eingeräumt werden, mit Aktien oder Anleihen von mittelständischen Unternehmen eine alter native Anlageform zu nutzen. Der Interessenverband KMU unterstützt mit seinen Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen sowohl den kapitalmarktorientierten Mittelstand als auch in direkt Investoren, die Aktien und Anleihen des Mittelstands als alternative Anlagemöglichkeit nutzen wollen.

Transparenz von Unternehmen, nicht nur oder nicht erst am Kapitalmarkt, ist kein neues Thema.

Beileibe nicht, aber aktueller denn je, wenn wir an die zusätzlichen ESG-Thematiken denken. Dass ein Kreditnehmer bei einer Prüfung „seine Hosen herunterlassen“ muss, ist nicht neu, das gilt schon immer gegenüber jeder Hausbank – und wer am Kapitalmarkt aktiv sein möchte, muss das in der Öffentlichkeit tun. Die Offenlegungsverordnung und auch andere Regelwerke tragen dazu bei, dass alle relevanten Informationen zu einer börsengelisteten Kapitalanlage bereitgestellt werden müssen, damit eine Geeignetheitsprüfung möglich wird. Ohne diese Prüfung ist für Anlageberater als auch für Anleger ein Investment nicht darstellbar. Die Transparenz ist nicht nur bei der Neuemission, sondern über den gesamten Produktzyklus notwendig. Hinzu kommen nunmehr besagte ESG-Themen. Kapitalanlageprodukte, die einer Geeignetheitsprüfung nicht stand - halten, beziehungsweise Emittenten, die nicht die benötigten Informationen und Unterlagen für eine Geeignetheitsprüfung bereitstellen, werden künftig keine Investoren mehr finden.

Hat denn wenigstens der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) seinen Dienst zur Abmilderung der Auswirkungen beisteuern können?

Ehrlich gesagt bin ich von dem derzeitigen Ergebnis sehr enttäuscht. Mit einem Gesamtvolumen von bis zu 600 Mrd. EUR sollte der WSF Unternehmen branchenübergreifend mit Stabilisierungsmaßnahmen zur Stärkung ihrer Kapitalbasis und zur Überwindung von Liquiditätsengpässen unter die Arme greifen. Angekommen sind bislang nur 8,66 Mrd. EUR, davon 96% [!] bei fünf Großunternehmen wie Lufthansa, TUI oder Karstadt. Der Rest von nur 4% der bislang ausgezahlten Mittel verteilt sich auf 15 mittelständische Unternehmen. Finanzminister Scholz hatte großspurig von einer finanziellen Bazooka gesprochen, die auch den Unternehmen als Hilfe zur Verfügung gestellt wird. Am Beispiel des WSF kann jedoch abgelesen werden, dass die praktische Umsetzung weit hinter den Zusagen zurückbleibt.

Diese Mittel wurden doch großartig angepriesen. Nicht zuletzt für „unseren deutschen Mittelstand, den Motor unserer Wirtschaft“ – Zitat Olaf Scholz, seines Zeichens inzwischen Kanzlerkandidat.

Die deutsche Regierung ist meiner Meinung nach bislang sehr risikoavers vorgegangen. Auf europäischer Ebene haben mir meine FISMA-Kollegen angedeutet, dass sie mit 3% bis 5% Missbrauch bei der Beantragung von Fördermitteln und Krediten rechnen, da machen sie sich nichts vor. Aber zu 95% gehen deren Gelder also immer noch an die Richtigen. Hierzulande denkt man andersherum: Um 3% bis 5% missbräuchliche Verwendungen zu vermeiden, wird mit einem Bürokratiemonster so stringent verfahren, dass derzeit nur besagte 1,5% der Stabilisierungshilfen ausgezahlt wurden. Meine FISMA-Kollegen gaben mir augenzwinkernd zu verstehen: Schiebt die nicht ausgezahlten Mittel doch zu uns rüber, wir werden eure Milliarden schon unterbringen.

Köstlich. Herr Friedrich, ganz herzlichen Dank für Ihre Einblicke aus erster Hand!

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