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Gender Lens Investing – Chancen und Herausforderungen

Gender Lens Investing – Chancen und Herausforderungen

Kurze Quizfrage: Gewinnen Themen wie Diversität und Gendergerechtigkeit am Kapitalmarkt an Bedeutung? Die Leser*innen, die mit dem Kopf geschüttelt haben: leider verloren. Alle Nicker*innen liegen richtig: Im Bereich der Investmentfonds werden diese Kriterien immer wichtiger. Charlotte Siering hat zwei Expertinnen der GLS Investments interviewt.

GLS

Als hundertprozentige Tochter der GLS Bank entwickelt die GLS Investments nachhaltige Fonds und betreut diese dauerhaft. Soziale Aspekte spielen bei der Auswahl von Titeln, die in das Anlageuniversum der GLS Bank aufgenommen werden, eine große Rolle – und somit auch Themen wie Diversität und Gendergerechtigkeit. Welche Haltung hat die GLS Investments dazu? Wie fließen Gender-Kriterien in die Bewertung von Titeln für das GLS Anlageuniversum ein? Darüber berichten im Gespräch die Nachhaltigkeitsanalystin Berenice Brügel und die Spezialistin Investmentfonds, Franziska Peter.

     Gender Lens Investing - Chancen und Herausforderungen                                   Gender Lens Investing - Chancen und Herausforderungen

Gendergerechtigkeit scheint heutzutage in aller Munde zu sein – sei es gendergerechte Sprache oder der Ruf nach mehr Frauen in Aufsichtsräten und Vorständen. Ist das wirklich ein Thema, das 2021 noch diskutiert werden muss?

Franziska Peter: Auf jeden Fall. Im internationalen Vergleich herrschen noch große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. In Deutschland und den meisten entwickelten Ländern treffen größtenteils unverändert Männer die wichtigen Entscheidungen. Dabei zeigen viele Untersuchungen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind (siehe Quellen). Es liegt somit im ureigensten Interesse von Unternehmen, Entscheidungsprozesse und -strukturen gendergerecht weiterzuentwickeln. Investoren können dabei eine unterstützende Funktion einnehmen. Im Gegensatz zu Deutschland sind Länder wie Großbritannien beispielsweise offensiver in der Gesetzgebung im Bereich Gender Pay Gap.

Dieses Thema ist mittlerweile auch am Kapitalmarkt angekommen. Immer häufiger ist die Rede vom sogenannten Gender Lens Investing. Was bedeutet das und welchen Beitrag kann diese Form des Investierens zur Geschlechtergerechtigkeit leisten?

Berenice Brügel: Um besser zu verstehen, was Gender Lens Investing leisten kann, können wir uns die Definition anschauen. Bei „Gender“ geht es um Geschlechtergerechtigkeit, und „Lens“ bedeutet nichts anderes als Investitionsentscheidungen durch eine bestimmte Linse (engl. Lens) zu betrachten.  Gender Lens Investing beutet also, dass Investoren in ihrer Anlagestrategie zusätzlich eine „Genderbrille“ aufsetzen und z.B. die Verteilung von Gehältern, den Anteil von Frauen in Führungspositionen oder Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in ihren Anlagekriterien berücksichtigen.

Das Spannende für Investor*innen ist, dass Gender Lens Investing alle Unternehmen gleichermaßen betrifft. Alle Unternehmen können einen Beitrag zu dieser gesellschaftlichen Herausforderung leisten. Investor*innen können Unternehmen proaktiv auf Ungleichheiten hinweisen, Transparenz einfordern und spezifisch und kritisch nachfragen.  So beispielsweise zur Zielgröße von Frauen im Vorstand.

Gender Lens Investing hört aber nicht bei den Anlagekriterien auf, sondern geht noch einen Schritt weiter. Die Gender Lens-Perspektive einzunehmen bedeutet auch, die eigenen Strukturen und Prozesse zu hinterfragen. Sind Frauen in den internen Investitionsentscheidungen oder Gremien beteiligt?

Franziska Peter: Unternehmen haben hier einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. An Probleme, wie dem Gender Pay Gap und dem daraus entstehenden Gender Pension Gap, können Unternehmen direkt durch Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie ansetzen.

Inwieweit wendet ihr die Gender-Perspektive bei den GLS Nachhaltigkeitsfonds bereits an?

Berenice Brügel: Wenn wir Unternehmen auf sozial-ökologische Kriterien überprüfen, wenden wir einen ganzheitlichen Ansatz an. Eine Gender Lens-Perspektive ist dabei immer vertreten – wenngleich in unseren verschiedenen Angeboten unterschiedlich stark ausgeprägt. Den Fokus auf Geschlechtergerechtigkeit legen wir vor allem bei der Aufstellung der Kriterien unseres GLS AI (Alternative Investments) Mikrofinanzfonds. Bei der Analyse von Mikrofinanz-Instituten bewerten wir die finanzielle Teilhabe explizit von Frauen positiv.

Auch bei unseren Kapitalmarktfonds berücksichtigen wir die Gender-Perspektive bei den sozialen Kriterien. Momentan stehen wir vor der Herausforderung, dass Unternehmen häufig noch wenige Informationen zu relevanten Kriterien erheben bzw. veröffentlichen. Hier wünschen wir uns eine höhere Transparenz von Unternehmen insbesondere zu aussagekräftigen Gender-Kriterien. Oftmals gehen die Daten nicht über die Veröffentlichung des Anteils von Frauen in den Führungsetagen hinaus.

Wie findet ihr die Daten zu den Unternehmen? Und wie geht ihr vor, wenn ihr nicht das findet, was ihr für eine Bewertung benötigt?

Berenice Brügel: Wir greifen auf öffentlich verfügbare Informationen sowie externe Nachhaltigkeits-Datenbanken zurück. Wenn wir keine Daten finden bzw. sie nicht öffentlich sind, gehen wir auch direkt auf das Unternehmen zu. Damit haben wir bereits gute Erfahrungen gemacht. Direkte Anfragen helfen auch auf jeden Fall dabei, genderspezifische Themen im internen Nachhaltigkeitsmanagement von Unternehmen zu beschleunigen. Engagement sehen wir hier als einen großen Hebel.

Franziska Peter: Wir glauben, dass sich die Datenlage verbessern wird. Die Verpflichtung zur Offenlegung verschiedener Daten, die sich auf Diversität beziehen, gehört in vielen Ländern schon zur Regel. Die politische Rahmengesetzgebung führt zu einer besseren Datenlage. Beispielsweise verlangt die Europäische Union mit der neu eingeführten Offenlegungsverordnung, dass Finanzmarktteilnehmer künftig auch den Gender Pay Gap ihrer nachhaltigen Investitionen offenlegen sollen.

Neben dem Dauerbrenner-Thema Nachhaltigkeit scheint Gender & Diversity ein neuer Trend im Anlagenmanagement zu sein. Wie seht ihr die aktuelle Entwicklung? Werden wir uns langfristig mit diesen Themen beschäftigen?

Berenice Brügel: Aktuell spielt Gender Lens Investing vor allem bei den Direktinvestments und dem Beteiligungskapital eine Rolle, also zum Beispiel bei der Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen oder bei Mikrofinanzierungen. Am Markt beobachten wir, dass auch im Aktienfonds- Bereich immer häufiger ein Gender Lens-Ansatz gewählt wird. Das verstärkte Interesse von institutionellen Investor*innen sowie die zunehmenden Reporting-Anforderungen erhöhen die Sichtbarkeit des Themas.

Franziska Peter: Die Berichterstattung der Unternehmen zu diesen Themen wird wachsen. Daher werden die Akteure im Anlagenmanagement diese gesellschaftlich relevanten Themen ebenfalls vermehrt in den Fokus nehmen. Also: Gender & Diversity betrifft uns nicht nur alle – wir werden uns auch langfristig damit beschäftigen.

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