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6 Monate Corona: Einblicke in die Psyche eines Value Investors

6 Monate Corona: Einblicke in die Psyche eines Value Investors

Meine erste Börsenkrise substanziellen Umfangs habe ich 1987 miterlebt, wo ich feststellen konnte, wie Märkte auf einmal nicht mehr effizient funktionieren und wie innerhalb weniger Stunden alles zusammenbricht. Danach gab es immer wieder Krisen, wie zuletzt 2002/2003,  2008/2009 und jetzt 2020. Selbst wenn man in seinem Leben schon viele solcher Börsenkrisen erlebt und erfolgreich überstanden hat, ist jedes Mal der Einstieg in eine Krise begleitet von Angst und Schrecken. Auch für sehr erfahrene Investoren. Entscheidend ist die Frage, wie man mit diesem Gefühl umgeht. Es wäre töricht, auch für einen Value Investor, wenn er die krisenhafte Situation einfach ignoriert und sagt: „das geht mich gar nichts an, langfristig geht ja alles gut“. Das wäre sehr naiv und ich kann allen nur versichern: so arbeiten auch die großen Value Investoren ganz bestimmt nicht.

Schiff im Sturm

Das Entscheidende ist das genaue hingucken. Wie stehen die Kurse? Wie haben sich die Einzelaktien entwickelt und was ist an den Märkten los? Wenn die Märkte normal laufen, kann der Value Investor auf „Autopilot“ eine distanziertere Haltung einnehmen. Er braucht nicht jeden Tag die Kurse zu studieren. Es reicht, wenn er das 1x die Woche oder pro Monat macht. In der Krise aber ist der Value Investor gefordert und muss wahrscheinlich doppelt bis drei Mal so viel Arbeiten wie sonst. Man muss sehr fleißig sein, darf aber gleichzeitig nicht wie ein kopfloses Huhn herumrennen, sondern versuchen über die Landesgrenzen hinaus so viele Stimmen und Meinungen einzufangen wie möglich, um mitzubekommen was sich tut. Wenn man als Value Investor viele Jahre unterwegs ist, hat man ein gutes Netzwerk aus Investoren in anderen Ländern. Mit ihnen muss man sprechen, denn sie sind in unterschiedlichen Zeitabläufen anders betroffen. In Skandinavien oder Schweden ging es anders zu als in Neuseeland. Und das Gleiche kann man in der Geschichte beobachten. Der Großcrash 1929 an der Wallstreet wirkte sich erst 1931 in Deutschland aus. Das waren natürlich andere Zeiten, aber auch heute ist es so, dass gewisse Vorfälle in den Emerging Markets z.B. schon richtig reinhauen, wenn davon in Westeuropa noch gar nichts  zu merken ist.

 

Die erste psychologische Herausforderung ist, gegen die spontane Reaktion nicht hinschauen zu wollen und sich nicht weiter mit dem schmerzhaften Gefühl der immer tiefer fallenden Kurse zu beschäftigen, anzukämpfen. Als zweiten Punkt neben dem kühlen Hinschauen muss man lernen, die Angst in den Griff zu bekommen. Das geht, indem man eine Gesamtübersicht macht und schaut wie es außerhalb der Börse um einen steht: Habe ich gesicherte Einkünfte? Einen Job, bei dem ich sicher mein Gehalt bekomme? Wenn ich das mit ja beantworten kann, habe ich schon mal keine Existenznöte. Andere, die nicht so hohe Einkünfte haben und von ihren Mieteinnahmen oder Dividenden leben, müssen die Sache ganz anders überprüfen: Welche Firmen werden weiterhin eine gesicherte Dividende zahlen? Auch hier muss man über die Landesgrenzen gehen. Es ist keine Kaufempfehlung, aber viele Unternehmen im Gesundheitssektor haben eine volle Dividende gezahlt und werden dies auch mit höchster Wahrscheinlichkeit und Berechtigung nächstes Jahr tun, denn die Finanzen sind solide. Dagegen stand bei anderen Unternehmen sehr früh fest, dass keine Dividende gezahlt wird, auch wenn der Vorstand sich nicht gemeldet hat. Wenn ich auf eine solche Zahlung für meine Existenz nicht angewiesen bin und die Firma dennoch gut finde, kann ich das ignorieren. Bin ich aber darauf für meine Altersversorgung angewiesen, muss ich umschichten.

Und damit kommen wir psychologisch zum entscheidenden Punkt: Nicht gelähmt wie ein Kaninchen vor der Schlange sitzen, sondern ganz früh durch sein Depot gehen und die Werte aus der heutigen Sicht auf Basis einer gründlichen, panikfreien Recherche bewerten. Dabei gibt es einen Trick. Man darf sich nicht an den Einkaufskursen festhalten. Wenn man zum Ergebnis kommt, dass es an sich eine bessere Aktie gibt, machen die meisten Investoren den Fehler, ihre 40 ursprünglich investierten Euro auch mindestens wieder zurückbekommen zu wollen. Entscheidend ist aber das Gesamtvermögen. Ob eine Aktie jetzt höher oder tiefer steht spielt keine Rolle. Entscheidend ist ja nicht diese eine Aktie für 40 Euro sondern der Vermögenswert von 40 Euro. Ist dieser in der richtigen Aktie? Denn wenn ich morgen eine Aktie habe und halte, ist jeder Tag so, als wenn ich diese Aktie jeden Morgen zu diesem jeweiligen Börsenkurs neu kaufe. Der Investor muss lernen, sich in der Krise psychologisch auch von Aktien zu trennen. Auch wenn sie im Verlust sind, aber er zum Ergebnis kommt für die jetzige Situation oder den Zeitraum eine bessere Aktie zu finden.

Und hier haben wir natürlich in der Krise den tollen Fall gehabt, dass im März eigentlich alle Aktien erstmal gefallen sind. Wir hatten also die Gelegenheit, günstig an Aktien zu kommen, die in der Vergangenheit für den Value Investor viel zu teuer waren. Auf einmal kriegt man diese in der Krise, wenn auch nur für kurze Zeit, sehr günstig.

Man sollte also die Titel im Depot auf Qualität und nicht zu sehr auf Wachstumschancen überprüfen: Welche Aktienunternehmen haben das gesichertste Stehvermögen? Also: Welche Firmen verkaufen weiterhin jeden Tag eine Dienstleistung oder ihre Produkte? Z. B. die Putzfirmen oder Zahnpasta. Das ist was anderes als ein Unternehmen, das Autos verkauft.

Die Psyche ist bei jedem Value Investor unterschiedlich. Selbst sehr hartgesottene Leute werden von einer solchen Krise durchgeschüttelt und das Ziel ist es, damit richtig umzugehen. Nicht aus Angst zu erstarren sondern hinzuschauen, sich kundig zu machen und nüchterne Umschichtungen zu besserer Qualität umzusetzen. Bis hin zum Verkauf, auch wenn es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, damit man einfach genügend liquide Mittel hat, die man zum Leben braucht. Dann schläft man besser.

Fazit:

Derjenige, der die Krise überstanden hat, kann vielleicht nachvollziehen, wie es mir bisher immer ging: Ich bin immer gestärkt aus solchen Zeiten hinausgegangen und habe mich danach immer besser gefühlt.

Der Autor Dr. Markus Elsässer ist seit 1998 selbstständiger Investor und Fondsberater sowie Gründer der ME-Fonds, die er seit mehr als 18 Jahren betreut. In seinem Buch, im "Des klugen Investors Podcast"  und auf seinem YouTube-Channel geht er regelmäßig auf Handwerkszeug zum Value-Investing, psychologische Gefahren beim Investieren und wertvolle Tipps zum Vermögensaufbau ein.

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