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100 Tage Brexit: Negative Auswirkungen für Großbritannien nehmen zu

100 Tage Brexit: Negative Auswirkungen für Großbritannien nehmen zu

  • Schaden für britische Wirtschaft durch Brexit auf 40 Milliarden Pfund bis Ende 2022 geschätzt 
  • Aktien- und Derivatehandel aus London abgewandert 
  • Britisches Pfund bleibt trotz leichter Erholung weit unter Vor-Brexit-Niveau 

Brexit

Schon innerhalb der ersten 100 Tage hat der Brexit die britische Wirtschaft bereits tiefgreifend verändert. Und diese negative Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen, sind sich die Experten von Ethenea Independent Investors S.A. sicher. „Laut jüngsten Berechnungen der Europäischen Kommission wird der Schaden für die britische Wirtschaft bis Ende 2022 auf mehr als 40 Milliarden Pfund beziffert,“ erläutert Tobias Burggraf, Portfolio Manager bei Ethenea. „Das entspricht bei einem Bruttoinlandsprodukt von rund 2,85 Billionen etwa 2,25 Prozent. Zum Vergleich: Für die EU-Staaten ist ein durchschnittlicher Verlust von rund 0,5 Prozent zu erwarten.“ Insbesondere die durch den Brexit entstandenen erschwerten Handelsbedingungen würden die Wirtschaft belasten, so der Experte. Zwar hätten sich Großbritannien und die EU auf ein Freihandelsabkommen einigen können, wodurch der Handel weiterhin zollfrei bleibe, gleichzeitig hätte sich aber der bürokratische Aufwand signifikant erhöht. So müssten britische Unternehmen nachweisen, dass in die EU exportierte Waren überwiegend im eigenen Land produziert worden seien. „In einer globalisierten Wirtschaft mit teils komplexen Lieferketten ist dies keine einfache Aufgabe,“ so Burggraf.  

Hinzu kämen Gesundheits- und Sicherheitskontrollen, Mehrwertsteuern auf Importe und andere zeitraubende, den Handel einschränkende Hindernisse. „Viele Unternehmen, vor allem kleine und mittelständische, fühlen sich den bürokratischen Herausforderungen nicht gewachsen und haben den Export vorübergehend ganz eingestellt,“ sagt Tobias Burggraf. Laut der New York Times sei das Volumen der Exporte, die im Januar den Kanal überquerten, im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zwei Drittel eingebrochen. „Betroffen sind vor allem Produzenten von Fisch, Fleisch- und Milchprodukten,“ so der Portfolio Manager. „Zum Teil wird von tonnenweise verrottenden Lebensmitteln berichtet, die es nicht durch den bürokratischen Dschungel in die Häfen Frankreichs und der Niederlande geschafft haben.“ 

 

Finanzstandort London lässt weiter Federn 

Auch die britische Finanzindustrie, lange Zeit das wichtigste Zentrum für den Wertpapierhandel in Europa, bekomme die Folgen des Brexits zu spüren. „Der Aktienhandel hat sich quasi über Nacht nach Kontinentaleuropa verschoben, insbesondere nach Amsterdam und Paris, während der Derivatehandel zum größten Teil nach New York gewandert ist.“ Der Abwicklungsriese Euroclear habe vor kurzem die Übertragung von rund 50 irischen Wertpapieren im Gegenwert von rund 100 Milliarden Euro von London nach Brüssel abgeschlossen. Bisher hätte sich Irland bei der Abwicklung von Wertpapiergeschäften auf die in Großbritannien ansässige Euroclear-Niederlassung „Crest“ verlassen.  

„Weitere Veränderungen stehen an, denn die Regeln für die zukünftigen Handelsbeziehungen werden immer noch verhandelt und erste Streitpunkte rund um die Sonderregeln für Nordirland zeigen, dass das Kapitel Brexit noch lange nicht abgeschlossen ist,“ gibt Burggraf zu bedenken. Um Kontrollen an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland zu vermeiden, sieht der EU-Austrittsvertrag vor, dass die Regeln des EU-Binnenmarktes für Nordirland weiterhin gelten. Dafür soll eine Warengrenze zwischen Nordirland und dem restlichen Großbritannien nach Ablauf der Übergangsfrist, aber spätestens ab Anfang April, eingeführt werden. „Diese Frist hat die britische Regierung nun eigenständig – und nach Auffassung der EU vertragswidrig – verlängert,“ so der Portfolio Manager. Weil die britische Regierung bis dato die Ankündigung nicht zurückgenommen habe, ziehe die EU nun vor den europäischen Gerichtshof. Sollte die EU recht bekommen, drohten finanzielle Sanktionen. „Der Ton zwischen London und Brüssel wird also zunehmend rauer.“ 

 

Britisches Pfund trotz Erholung weit von Vor-Brexit-Niveau entfernt 

Das britische Pfund konnte trotz der Startschwierigkeiten seit dem EU-Austritt gegenüber dem Euro deutlich zulegen, beobachtet Burggraf: „Lag die britische Währung im Dezember noch bei rund 1,10, ist ein Pfund heute schon 1,16 Euro wert. Das hängt zum einen sicherlich mit der deutlich erfolgreicheren Impfkampagne in UK zusammen.“ Die Risikogruppe der über 70-jährigen sei durchgeimpft und insgesamt habe bereits jeder vierte Erwachsene in Großbritannien eine Schutzimpfung erhalten. Zum anderen stütze die verschwundene Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Brexit die Währung. „Nun hat London – so die verbreitete Meinung vieler Brexit-Befürworter – sein außenpolitisches und wirtschaftliches Schicksal wieder selbst in der Hand, und das zeigt sich nicht nur im Erfolg der Impfkampagne, sondern zukünftig auch in widererstarkten Handelsbeziehungen außerhalb von Europa, beispielsweise mit China oder den USA,“ führt der Portfolio Manager aus. „Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Erholung des Pfunds von einem historisch extrem niedrigen Niveau ausgegangen ist und von den Vor-Brexit Niveaus von über 1,40 Euro noch weit entfernt ist.“ Kurzfristig könne die Stärke des Pfunds sicherlich noch weiter Fahrt aufnehmen, langfristig bleibe aber abzuwarten, ob London aus der vermeintlich wiedererlangten Souveränität und dem Impfvorsprung einen nachhaltigen wirtschaftlichen Vorteil ziehen könne. 

Stand: 31.03.2021

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